Seite - 280 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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aneinanderknüpft. Und gehört Brückenbauen nicht seit je zu den friedlichsten
Aufgaben für Menschenhände?72
Frieden, Verbindungs- und Verbrüderungswille, Aufbau und weitere positive
Assoziationen werden mit dem Regime der DDR verbunden, während die Brü-
ckensprengung, die mit Gewalt, Trennung, Zerstörung assoziiert wird, der „SS“
zugeschoben wird. In einer Broschüre, die Anfang des Jahres 1954 oder 1955
vom Österreichischer Friedensrat unter dem Titel In Ihrem Interesse … her-
ausgegeben wurde,73 wird für einen geplanten Diskussionsabend unter ande-
ren das Thema der Aufrüstungsbestrebungen in Deutschland in Zusammen-
hang mit Brückenminierungen genannt. Eine Fotoabbildung in dieser
Broschüre zeigt eine Brücke mit der Bildunterschrift: „Mit Hilfe dieser Spreng-
kammer soll die Kriegerbachbrücke in Tirol sprengreif gemacht werden. Soll
die ‚Alpenfestung‘, an welcher man schon im Tausendjährigen Reich gebaut
hat, nun fertiggestellt werden?“ Daneben ist eine Abbildung eines Treffens ehe-
maliger Kriegsteilnehmer in Wehrmachtsuniform zu sehen. Der Text erklärt:
„Auf diesen Treffen sprechen österreichische und westdeutsche Redner davon,
daß die ‚Scharte‘ des letzten Krieges ausgewetzt werden muß.“ Die Broschüre
verbindet die Bestrebungen, Sprengkammern in Brücken anzubringen, mit der
Remilitarisierung Westdeutschlands und mit den NS-Militärstrategien im Zwei-
ten Weltkrieg.
Die symbolische Bedeutung der Brücke wird in der Nachkriegspropaganda
und -literatur häufig aktualisiert.74 Zumeist wird das Symbol positiv konnotiert.
Ein Plakat, das 1952 in Österreich für die amerikanische ERP-Hilfe warb, zeig-
te das Symbol der Brücke, die zwischen Amerika und den europäischen Staaten
gebaut wird.75 Als der kommunistische Schriftsteller Otto Horn seine Berufs-
kollegen Milo Dor und Reinhard Federmann für ihre Gründung des „Allgemei-
nen Jugendkulturwerks, Gesellschaft für Freiheit und Kultur“ kritisiert, wählt
er folgendes Bild:
72 Bronnen: Deutschland, S. 31.
73 Österreichischer Friedensrat (Hg.): „In Ihrem Interesse …“. [Druck: Globus, verantwortlich:
Max Unger; Datierung der Wienbibliothek auf 1955, Wienbibliothek: Friedensrat 1950 (Sig-
natur: B 179997)].
74 Die Allegorie der Brücke erscheint häufig in Nachkriegstexten, so in der Erzählung Arno
Schmidts Leviathan oder Die beste der Welten (erschienen 1949), im Film Die Brücke (1959),
Regie von Bernhard Wicki oder in den letzten Absätzen von Ilse Aichingers Roman Die grö-
ßere Hoffnung (1948), sowie in der Kurzgeschichte Heinrich Bölls: Über die Brücke (E: Juni
1947; ED: 1950).
75 Vgl. die bildliche Darstellung: Susanne Storck-Rossmanit: 4 Jahre ERP Marshallplan: Europa
Hilfsplan. Wien: Elbemühl 1949. [Wienbibl. Plakatsammlung. Sign.: AC10602476].
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280 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918