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er politischer Konstellationen, die eine möglichst große Zahl an Mitgliedern und
Parteigängern für die unterschiedlichen Interessensgruppen wünschenswert
machen. Dor und Federmann formulieren dies folgendermaßen:
Das Wiedererwachen der Nazi hat überall die gleiche Ursache: den Wettlauf der
Großen um ihre Stimmen. Ost und West glauben im Kalten Krieg nicht auf ihre
Mitwirkung verzichten zu können. Dasselbe gilt für die grossen politischen Par-
teien, von denen jeder die Nazi für sich gewinnen wollte.90
Diese zeitgenössische Einschätzung deckt sich mit jener des Historikers Oliver
Rathkolb:
Der alle rechtlichen und politischen Schranken relativierende Antikommunismus
führt auch dazu, daß höchst belastete ehemalige NSDAP-Eliten oder Fachleute
aus der NS-Rüstungsindustrie aus ‚nationalem Interesse‘ integriert wurden, wäh-
rend man etwa Künstler/innen, die im als kommunistisch stigmatisierten Neuen
Theater in der Scala, für die sowjetische Filmindustrie oder die ‚Russische Stunde‘
der RAVAG gearbeitet hatten, ausgrenzte.91
In der österreichischen Literatur der fünfziger und frühen sechziger Jahre taucht
immer wieder das Bild vom gemeinsamen Tisch auf, wenn es um die Frage der
Zugehörigkeit zur neuen staatlichen Identität, mithin auch um die Frage der
Re-Integration der ehemaligen Nationalsozialisten und die damit verbundenen
Verdrängungs- und Exkulpierungsleistungen geht.92 Albrecht Koschorke hat
darauf hingewiesen, dass Metaphern, Allegorien, Bildfelder wie der Körper oder
das Schiff abstrakte Vorstellungen wie den Staat vorstellbar zu machen vermö-
gen und besonders in Phasen des ‚nation building‘ verwendet werden.93 Das Bild
des Tisches hat eine ebensolche Funktion, wie sich zeigt, wenn Milo Dor und
Reinhard Federmann in ihrem Radio-Dialog NS-Parnass in Österreich ankün-
digen, sich nicht „mit den alten, unbelehrbaren Nazi an einen Tisch zu setzen“:
B: […] [K]aum haben wir die totalitäre Herrschaft Hitlers und seines Kriegs über-
wunden, [sind wir] schon wieder von neuen totalitären Mächten bedroht […].
90 Dor, Federmann: NS-Parnass in Österreich, S. 18.
91 Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 bis 2010. Innsbruck, Wien: Haymon 2011,
S. 25.
92 Vgl. Günther Stocker: Der gemeinsame Tisch. Literarische Allegorie der österreichischen Iden-
tität in den Anfängen der Zweiten Republik. In: Journal of Austrian Studies 48 (2015) H. 3,
S. 1–20. Die Ausführungen in diesem Abschnitt basieren auf diesem Aufsatz.
93 Vgl. Albrecht Koschorke [u.a.]: Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in
der Geschichte Europas. Frankfurt/M.: Fischer 2007.
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288 7 Das Gespenst des Nationalsozialismus im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918