Seite - 302 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 302 -
Text der Seite - 302 -
einer totalitären Diktatur ist, die sich gleichfalls auf die Atombombe stützt“.30
Ähnlich äußerte sich Willi Schlamm, wie seine Biographin Susanne Peters aus-
führt:
Da die Taktik des östlichen Gegners zur Machtexpansion darin bestehe, den frie-
densbesessenen Westen immer wieder nur an den ‚Abgrund des Krieges‘ zu ma-
növrieren, müsse der Westen, wenn er auch die kleinste Veränderung der Macht-
verhältnisse verhindern wolle, ‚glaubhaft entschlossen sein, Krieg zu führen‘.31
Rechtfertigungsstrategien für die eigene Aufrüstung wurden umso nötiger, als
die anfängliche Unbekümmertheit, mit der die neue Waffengattung gesehen wur-
de, besonders im Westen einer zunehmenden Angst vor den Langzeitwirkungen
wich. Die anfängliche Unterschätzung der weitreichenden Schadenswirkungen
nuklearer Waffen schlug ab Mitte der 1950er-Jahre um in eine ausgeprägte Ato-
mangst und daraus resultierende Antiatombewegungen, die in ein spannungs-
reiches Verhältnis zu den kommunistisch initiierten Friedensbewegungen gerie-
ten. Kommunistische Initiativen hatten schon 1950 mit Schlagwörtern wie „Krieg
oder Frieden! Atomtod oder Leben!“32 gearbeitet, 1957 und 1958 wurden in
Deutschland und Österreich ähnliche Forderungen von keineswegs kommunis-
tisch gesinnten Intellektuellen gestellt, da die enormen Gefahren, die in den nuk-
learen Waffenarsenalen der Kalten-Kriegs-Mächte schlummerten, immer stärker
bewusst wurden. 1958 wurde in Großbritannien die „Kampagne für nukleare
Abrüstung“ („Campaign for Nuclear Disarmament“) gegründet. In der Bundes-
republik Deutschland wurde mit Unterstützung der SPD und der Gewerkschaf-
ten im März eine ähnliche Aktion mit dem Namen ‚Kampf dem Atomtod‘ ins
Leben gerufen, die vor dem Hintergrund der Ankündigungen des Bundeskanz-
lers Konrad Adenauer von einer atomaren Aufrüstung der BRD33 und den Pro-
testen aus dem Kreis der Naturwissenschaften wie der ‚Göttinger Achzehn‘34 und
30 Friedrich Torberg: Das Unbehagen in der Gesinnung. In: Forvm 11 (1964) H. 124, April, S.
212.
31 Susanne Peters: William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert. Berlin:
be.bra 2013, S. 327.
32 Österreichischer Friedensrat (Hg.): Der Friedenskongreß. Bericht über die Tagung des Ersten
Österreichischen Friedenskongresses in Wien am 10. und 11. Juni 1950. Wien: Globus 1950,
Vorwort. Sowjetischer Informationsdienst (Hg.): Gegen den Atomtod. Das Sowjetparlament
nimmt Stellung. Wien: o. V. 1950.
33 Vgl. Holger Nehring: Cold War, Apocalypse and Peaceful Atoms. Interpretations of Nuclear
Energy in the British and West German Anti-Nuclear Weapons Movements, 1955–1964. In:
Historical Social Research 29 (2004), S. 150–170, hier S. 153.
34 „Der Aufruf der 18 Göttinger Professoren hat eine wahre Kettenreaktion ausgelöst“ schreibt
Leopold Hornik in einem Artikel in der Monatszeitschrift des Gewerkschaftlichen Linksblocks
in Österreich. Leopold Hornik: ÖGB-Initiative gegen Atomgefahr. In: Die Arbeit. Zeitschrift
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
302 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918