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Und wie von einer fürchterlichen Vision geblendet sieht er vor sich, die Schwär-
ze der Nacht grell zerreißend und riesengroß in den entgötterten, geschändeten
Himmel schießend, den ungeheuren Explosionspilz der detonierenden Bombe
und unter ihm das flammende, schauerliche Chaos brennender, zerfetzter Städte
... Gog und Magog sind entfesselt, wie es die Apokalypse angekündigt. Im freveln-
den Wahnwitz vernichtet der Mensch sich selbst und die Schöpfung, die in seine
Hand gegeben ... (ZGT 310)86
In Rudolf Geists Augenzeuge Menschheit wird die Physikerin Rosa Serjewtschi-
kowa mit einem „weiblichen Prometheus“ (AM 14) verglichen, was sich jedoch
als Verkennung der Figur herausstellt. Serjewtschikowas wissenschaftliches Stre-
ben findet gerade in der „Gottesfurcht“ eine Beschränkung. Nach einer nur knapp
abgewendeten Apokalypse durch einen Krieg mit Atomwaffen und anderen
hochpotenten Waffengattungen äußert sie ihre Bestürzung darüber, „daß die
Hölle hat so thronen können inmitten der Gottesschöpfung!“ (AM 377) Ihr spi-
ritueller Lehrer Babakutschin erklärt darauf die Gründe für den Atomkrieg mit
dem Bild des satanischen Sündenfalls:
Aber wie die abgefallenen Engel plötzlich nicht bei Gott sein wollten, oder nur
wenn sie sich über ihn hätten erheben können, womit sie nur zeigten, daß sie sich
selbst nicht leiden mochten, verdrossen über ihre Gottunähnlichkeit, so war es
auch mit den Menschen. Die Erkenntnis hat sie götzeneitel gemacht. Nachdem sie
sich naturbeherrschend glaubten, wollten sie allbeherrschend werden. (AM 377)
Die Begründung für einen etwaigen Atomkrieg liege demzufolge weder im Expan-
sionsdrang des Kommunismus noch im Rüstungsinteresse des Kapitalismus,
sondern in der Verfassung des Menschen selbst. Die Atomthematik wird in die-
sen Texten in den Horizont einer welt- und menschheitsgeschichtlichen Dimen-
sion gerückt, anstatt sie primär auf der Ebene der zeitgeschichtlichen, politischen
Situation anzusiedeln. Besonders die enge Verbindung der Problematik mit
einem christlich-religiösen Diskurs fällt in vielen österreichischen Texten auf.
Aber selbst der US-amerikanische Atombomben-Reporter Laurence, der den
technischen Fortschritt der Atomspaltung grundsätzlich als Triumph inszeniert,87
verwendet den Sündenfall als Bild für die Bomben auf Japan, wodurch die Vor-
86 Die Satansvölker Gog und Magog werden erwähnt in „Die Offenbarung des Johannes“, Kapitel
20, Vers 8. Laut Krökel prägt die Offenbarung des Johannes häufig den Stil der Atomkriegs-Li-
teratur. Vgl. Krökel: „Bombe und Kultur“, S. 192 f. u. 198.
87 So beschreibt er die Staubwolke, die durch die Detonation bei Alamogordo in die Höhe geschleu-
dert wird, folgendermaßen: Sie nahm „für einen schnell dahinschwindenden Augenblick die
Gestalt einer riesigen Freiheitsstatue an, die ihren Arm zum Himmel streckte als Sinnbild der
Geburt einer neuen Freiheit für die Menschen“. Laurence: Dämmerung über Punkt Null, S.
225.
Atomfaszination und Atomangst 321
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918