Seite - 344 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 344 -
Text der Seite - 344 -
Tatsächlich betrieben die USA in den späten 1950er-Jahren ein Projekt, um
der UdSSR gegenüber ihre technische Vormachtstellung durch eine Atomwaf-
fendetonation am Mond zu demonstrieren. Diese Machtdemonstration in der
Ferne ist symptomatisch für den Kalten Krieg, der nicht direkt, sondern durch
Verschiebungen in seine Randzonen geführt wird,162 was zur Abschreckung des
Gegners führen soll.163 Bechers Text greift diesen zentralen Aspekt des Kalten
Krieges auf und imaginiert die verheerenden Auswirkungen der Machtdemons-
tration mittels Atomwaffen. Zborowskys „Die Mondzertrümmerer“ stellt eine
Imagination zum Zweck der Abschreckung vor Atomwaffentests beider Groß-
mächte dar. 164 Die Zerstörung des Mondes wird nicht von einer Großmacht,
sondern von „man“, dem „Mensch“ oder von „Männer[n]“ (KV 72; kursiv im
Orig.) vorgenommen. Die dadurch ausgelösten Umweltkatastrophen zerstören
nach und nach „Mensch, Tier, jegliches“ (KV 74; kursiv im Orig.), bis die Erde
selbst zu einem ‚Mond‘ – zu einer unbewohnbaren Steinlandschaft – geworden
ist. Es geht nicht mehr um die Differenzen zwischen zwei distinkten Gruppen,
Weltanschauungen, Weltmächten etc., sondern um die Gesamtheit des ‚Lebens‘.
Diese Imagination der Apokalypse warnt vor dem Einsatz von Massenvernich-
tungswaffen aus politischen Zwecken. Jungk hatte diese Intention des Textes
1964 als „elftes Gebot“ formuliert: „Du sollst keine Atomwaffen zur Erreichung
deiner politischen Ziele verwenden.“165
Kühnelts Drama Es ist später als du denkst arbeitet ebenfalls mit der Imagi-
nation einer atomaren Apokalypse zum Zweck der Abschreckung. Die Verwüs-
tung und Kulturarmut der Erde nach dem Atomkrieg soll eine anklagende Funk-
Zeitungen erfahren können, wenn man einer DDR-Broschüre folgt, die berichtet: „Es gab eine
ordentliche ‚Künstliche-Mond-Epidemie‘“. So soll die Neue Zeitung (Frankfurt/M, Berlin,
München) vom 8.
Jänner 1949 berichtet haben: „Militärische Basen entstehen im Weltall. Atom-
bomben als Erdtrabanten.“ Vgl. Klaus, Porst: Atomkraft – Atomkrieg?, S. 95.
162 Vgl. Geyer: Der kriegerische Blick.
163 Die Imagination von Atomkriegen kann auch als Konfliktfeld zwischen den Anti-Atomwaf-
fenbewegungen und deren Gegnern bezeichnet werden. So wurden in Broschüren wie Könnte
Österreich überleben? Szenarien beschrieben, welche die katastrophalen und großflächigen
Auswirkungen eines Atomkrieges verdeutlichten. Gleichzeitig werden Broschüren kritisiert,
die über ein angeblich richtiges Verhalten im Atomkriegsfall belehren und die Katastrophe so
als handhabbar darstellen. Vgl. ebd., S. 43.
164 Die Literatur ist seit Aristoteles dazu berufen, nicht das Wirkliche, sondern das Mögliche dar-
zustellen und damit auch Imaginäres, Unsichtbares zur Sprache zu bringen. Die Thematik der
Imagination ist im Zusammenhang mit Atomkriegsnarrativen auch bevorzugt von der litera-
turwissenschaftlichen und literaturtheoretischen Forschung besprochen worden. Vgl. J.
Fisher
Solomon: Probable Circumstances, Potential Worlds: History, Futurity, and the ‚Nuclear Refe-
rent‘. In: Papers on Language and Literature
26 (1990) H.
1, Special Issue on Nuclear Fic-
tion, Winter, S. 60–72.
165 Robert Jungk: Vorwort. In: Österr. Aktion für Frieden und Abrüstung (Hg.): Könnte Österreich
überleben? S. 3 f., hier S. 4.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
344 8 Die atomare Bedrohung in der österreichischen Literatur
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918