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te eingefädelt. Er hat ihm absichtlich zu trinken gegeben und hat ihn ausgeholt
und angezeigt. Den verfluchten Gauner kenn ich! (SB 80)
Den jugendlichen Helden wird diese Information zum Anlass, den ‚Verräter‘ zu
bestrafen, der geheime Informationen sammelt und an die Gegenseite weiter-
gibt, obwohl er behauptet, loyal zu sein. Wenig später wird schlicht festgehalten:
„In der übernächsten Nacht wurden im Restaurant von George Grosser alle
Fenster eingeschlagen.“ (SB 80)66
Die Jugendlichen werden als bedeutende Mitglieder einer im Untergrund
agierenden politischen Vereinigung dargestellt, die gegen ihre ‚inneren Feinde‘
vorgehen muss. Die konspirative Tätigkeit der Arbeiter wird allerdings nicht mit
Spionage im engeren Sinn in Verbindung gebracht, da kein Wissensgewinn über
den Feind angestrebt wird, der als immer schon bekannt vorausgesetzt wird. In
Lazars Jugendroman ist es freilich nicht das Geheimwissen des Kreml oder der
US-Regierung, dem der Spion gefährlich wird, sondern lediglich eine kleine
geheimgehaltene Flugblattwerkstatt von Arbeitern und Kindern, die narrative
Logik ist aber dieselbe.
Während in Sally Bleistift in Amerika also die Figur des Spions, der dem She-
riff Informationen liefert, als Feind markiert wird, stellt in Paul Anton Kellers
antikommunistischem Kinder- und Jugendroman Gefährliche Grenze (1956) die
Figur des Spions, der mit westlichen staatlichen Behörden zusammenarbeitet,
ein positives Identifikationsangebot dar. Kellers Roman nimmt so in Bezug auf
die Figur des westlich codierten Spions eine exakt entgegengesetzte Position ein.
Die beiden jugendlichen Helden von Gefährliche Grenze, Dick und Mac, werden
auf ihrer Reise zum Großvater, der im kommunistischen Ungarn gefangen ist,
zufällig Zeugen geheimer Machenschaften einer ungarischen Schmugglerbande,
die mit Zigaretten handelt, aber auch Entführungen von Personen in Österreich
in sowjetischem Auftrag ausführt. Dick und Mac werden schon am Beginn des
Textes als Konsumenten US-amerikanischer Populärkultur ausgewiesen, sie sti-
lisieren sich in ihren Spielen zu „unerschrockenen Helden der Prärie“ (GG 5)
und üben das „Schleichen im Grase nach Westmannsart“ (GG 8).
Als sie ein Streitgespräch zweier Bandenmitglieder belauschen, notiert Mac
einige aufgeschnappte Namen und Orte (vgl. GG 121). Als die Schmuggler diese
Notizen durch die russische Militärkommandatur an der ungarischen Grenze in
die Hände bekommen, vermuten sie in Mac und Dick Agenten der österreichi-
schen Behörden: „Österreichische Polizei weiß alles und hat alle Namen. Sie sucht
66 In der Version von 1935 heißt es „entzweigeschmissen“ statt „eingeschlagen“. Mary Macmillan
[d.i. Auguste Lazar]: Sally Bleistift in Amerika. Moskau, Leningrad: Verlagsgenossenschaft aus-
ländischer Arbeiter in der UdSSR 1935, S. 78. Die vereinzelten sprachlichen Glättungen der
Ausgabe von 1947 gegenüber der von 1935 gehen auf den Globus-Verlag zurück, der den Text
zunächst ohne die Zustimmung der Autorin wiederauflegte.
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368 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918