Seite - 390 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 390 -
Text der Seite - 390 -
Im Durchschnitt verbrachte ein Führungsoffizier vor jedem Treffen mit einem
Agenten fünf Stunden damit, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln (vor
allem der Londoner U-Bahn) zwischen vorher bereits überprüften Orten hin und
her zu fahren, um sich zu vergewissern, daß er nicht unter Beobachtung stand.
Am Treffpunkt angekommen, nahmen Führungsoffizier und Agent zunächst
Blickkontakt auf und überzeugten sich, daß der andere nicht observiert wurde,
bevor sie aufeinander zugingen.119
Im kabarettistischen Drama Merz/Qualtingers besteht die Zeremonie darin, dass
zwei Männer auf der Bühne mehrmals aneinander vorbeigehen und sich dabei
„auf auffällige Weise unauffällig“ (MM Startschuss, 1) benehmen. Danach stellt
einer der Agenten dem anderen Fragen, die er offensichtlich nicht stellen müss-
te (er fragt nach der Zeit, hat aber selbst eine Uhr) und identifiziert den anderen
schließlich darüber, dass dieser die „Volksstimme“ liest. Es handelt sich um den
jungen Agenten Moritz oder M 27 und den „Genossen Chef“.120 Zunächst lobt
der Chef den Agenten, da er „in erstaunlich kurzer Zeit die letzte Radiorede des
niederösterreichischen Landeshauptmannes dechiffriert“ (ebd.) und die öster-
reichische Wiederaufrüstung entscheidend sabotiert habe, indem er die Trom-
mel der Militärmusikkapelle von Wulkaprodersdorf angebohrt habe. Typische
Tätigkeiten von Geheimdienstmitarbeitern wie Dechiffrieren und Sabotieren
sind hier transformiert zu den lächerlichen Aktivitäten eines österreichischen
Schmalspur- oder Möchtegern-Agententums, das nichts Bedrohliches mehr an
sich hat. Es erzeugt einen komischen Effekt, dass die Figuren diese dekonstruk-
tiven Elemente und Verfremdungseffekte nicht zu bemerken und sich als Agen-
ten ernst zu nehmen scheinen.
„Genosse Chef“ erteilt dem Agenten Moritz dann einen Auftrag: Der „Star-
agent“ Manuel Jùanowitsch Nikolasch sei unter rätselhaften Umständen gestor-
ben und habe das Geheimnis, an dem er gerade gearbeitet hatte, mit ins Grab
genommen. Moritz soll dieses Geheimnis lüften, von dem nichts weiter bekannt
ist. Der Chef erzählt über die von Nikolasch nicht mehr preisgegebene „Sensa-
tion“:
Chef: [...] Sie schien von erlesener Köstlichkeit,
Von schillernder Westöstlichkeit,
Er sagte sterbend: ‚Das Dokument
119 Andrew, Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB, S. 204.
120 Die kommunistische Anredekonvention ‚Genosse‘ wird hier bewusst mit der Bezeichnung
„Chef“, die aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammt, verknüpft. Der Kontrast ergibt
den komischen Effekt. Dasselbe gilt für die später im Stück verwendeten Bezeichnungen „Genos-
se Herr“ und „Genosse Kammerdiener“ (MM III, 4).
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
390 9 Spionage
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918