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„proletarisch“, „sozialistisch“ tituliert, die „Hilfslehrerin Varbarova“ (PP 48)
spricht von der „proletarisch-bescheidene[n]“ Gemeinde Poshansk (PP 49),
„Unterdistrikts-Kommissar“ (PP 52) Attona lobt seine „unbarmherzig stalinis-
tischen, wachsamen Augen“ (ebd.). Die Figuren äußern sich gemäß der ideolo-
gischen Begriffe, sprechen von „marxistisch-stalinistischer Wachsamkeit“ (PP
388), von „Monopolkapitalist[en]“ (PP 120, 139, 380), „Kontriks“ [politische
Gefangene, Konterrevolutionäre] (PP 202) und „Gegenrevolutionären“ (vgl. PP
66, 133, 160, 163, 223). In Neumanns Text werden diese rhetorischen Gesten
übertrieben oder in unpassende Kontexte gerückt und damit parodiert, während
er aber gleichzeitig die ideologische Funktion dieser Phrasen deutlich macht:
In einem totalitären System wie der Sowjetunion, in dem jede und jeder jederzeit
als KonterrevolutionärIn denunziert […], in dem ein falscher Satz das Todesurteil
bedeuten kann, ist die ständige Beteuerung, zur richtigen Seite zu gehören, eine
naheliegende Unterwerfungsgeste, auch wenn sie letztlich wirkungslos bleibt.73
Die Austauschbarkeit der Inhalte der Feindbilder auf sprachlicher Ebene zeigt
Neumann aber auch auf, indem er im Romanverlauf die politischen Vorzeichen
verändert: Als der Aufstand der Gefangenen ausbricht und die Funktionäre
beschließen, sich diesem anzuschließen. Dabei versucht sich der bisherige Lager-
kommandant Borodin zu legitimieren, um dem Tod durch Genicksschuss zu
entgehen, findet jedoch keinen rhetorischen Ausweg aus dem sowjetischen Idi-
om. Er äußert, dass er
[…] bisher von der stalinistisch-faschistischen Diktatur gezwungen [wurde], so
daß er verbergen mußte, wie sehr er immer die willigen Werkzeuge der Weltre-
aktion, die sich als Kommunisten gebärdeten, haßte und deshalb mußte ich hier
den Lagerkommandanten spielen. Um zu verhindern, daß mein Amt einem sa-
distischen Menschenschinder im Sold des faschistischen Stalinismus übergeben
wurde. (PP 303)
Die ihm nachgesagte Unmenschlichkeit im Umgang mit den Gefangenen sank-
tioniert Borodin damit, dass dies „von politisch verdächtigen Elementen erfun-
den und erlogen“ (PP 304) wurde und seine „Stellung im Interesse aller gegen-
revolutionären ... ich meine aller revolutionären Gefangenen erhalten“ (ebd.)
sollte.
Auch im Roman Festival (1962), dessen Schauplatz das Filmfestival in Locar-
no (Tessin, Schweiz) im Zeichen des kulturellen Kalten Krieges ist, parodiert
Neumann den sowjetischen Jargon und die damit in Verbindung stehenden
Feindbilder. Dazu dient ihm die Figur des Kostja, eines gebürtigen Polen, der
73 Stocker: Die Puppen von Poshansk, S. 275.
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460 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918