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In Österreich vollzog sich nach 1945 der Anschluss an die internationale Moder-
ne nur sehr schleppend,22 sodass in diesem Zusammenhang sogar von einem „Kal-
ten Krieg gegen die Moderne“ in Österreich gesprochen wurde.23 Die aus Henz’
Roman zitierte Episode ist ein Indiz dieser Entwicklung. Frühe Beispiele dafür
sind die Leserbriefspalten von Otto Basils Kultur- und Literaturzeitschrift Plan,
in denen moderne Kunst als „Picasso-Krankheit“ und „Seuche“ attackiert wurde,
sowie ein Bericht über einen Schaukasten der ÖVP, in dem mit Vokabular, das
dem des Nationalsozialismus ähnelte, gegen die Moderne polemisiert wurde und
Gedichte von Arthur Rimbaud sowie Grafiken von Edgar Jené als charakteristisch
für die von Schiebern und Verbrechern dominierte Nachkriegszeit und den Zer-
fall moralischer Werte bezeichnet wurden.24 Der konservativ-reaktionäre Konsens
des österreichischen Kulturbetriebs im Bereich der bildenden Kunst orientierte
sich in den 1950er-Jahren stark an Hans Sedlmayrs Studie Der Verlust der Mitte
(1948). Sedlmayr propagierte und rechtfertigte in seinem Text, der bereits Anfang
der 1940er-Jahre entstanden war, das nationalsozialistische Paradigma von der
„entarteten Kunst“. Der Text gilt als ein „Schlüsselwerk der antimodernen Kunst-
und Kulturauffassung“,25 glorifiziert das Barock und verdammt die Avantgarde.
Als Teilnehmer des ersten „Darmstädter Gesprächs“ (1950), das sich dem Thema
„Das Menschenbild unserer Zeit“ widmete, modifizierte Sedlmayr seine Thesen
und betonte, er wolle die Leistung und Größe der modernen Kunst nicht bestrei-
ten, sondern sehe in ihr ein Symptom für die Krise der Gegenwart.26
Gegenüber den allerneuesten Strömungen in der Malerei, wie dem Tachis-
mus, einer Stilrichtung des Informel in der abstrakten Malerei, fand auch der
Kunsthistoriker Wieland Schmied in einem Artikel im Forvm keine guten Wor-
te. Er kritisiert die „Farbflecke und Schandflecke“ auf den tachistischen Bildern,
die jeden Ordnungsprinzips entbehren würden:
Auch der unbegabteste kann jetzt Maler werden, wenn er bereit ist, sich von allen
hergebrachten Ansichten zu lösen. Die Begabung ist nicht mehr feststellbar. […]
22 Christian Maryška: „Sie drängen sich vor oder auf, ob sie beachtet werden oder nicht“. Fallbei-
spiele von Grafikdesign im Kalten Krieg. In: Rohrwasser, Hansel: Kalter Krieg in Österreich.
S. 319–338, hier S. 326.
23 Gert Kerschbaumer: Der kalte Krieg gegen die Moderne. In: Ders., Karl Müller (Hg.): Begna-
det für das Schöne. Der rot-weiß-rote Kulturkampf gegen die Moderne. Wien: Verlag für Gesell-
schaftskritik 1992, S. 117–204.
24 Vgl. Habarta: Frühere Verhältnisse, S. 65 f.
25 Vgl. Gernot Heiß: „… dass Österreich wieder zum Kulturträger und Kulturpionier für die
gesamte Menschheit werde.“ Kulturpolitik und kulturelle Entwicklung im Österreich der Nach-
kriegszeit. In: Karin Moser (Hg.): Besetzte Bilder. Film, Kultur und Propaganda in Österreich
1945–1955. Wien: Verlag Filmarchiv Austria 2005, S. 37–111, hier S. 45.
26 Vgl. Gillen: Feindliche Brüder?, S. 72 f.
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470 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918