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die Kunst“ (K 27) charakterisiert, ist die Kritik der modernen Kunst vor allem
mit „Bla-Bla“ (ebd.) verbunden.
Über den Starkritiker des „Telegramm“ (K 28) und Mitherausgeber der Nach-
wuchs-Zeitschrift „Junge Existenz“ Klaus Böß, der die Theorie vertritt, dass die
Kunst als „irrationale Zeichenschrift des technischen Zeitalters“ (K 120) ver-
standen werden sollte, jedoch hinter dem Rücken der Künstler an diesen kein
gutes Haar lässt, heißt es:
Der Allroundkritiker (vom Schlage eines Klaus Böß) löst heute den Fachkritiker
ab. Ob ein Kritiker Kunstgeschichte studiert hat, die Harmonielehre der seriellen
Disharmonie beherrscht oder die Dramaturgie des Antidramas, auf seine Nase
kommt es an, auf die Witterung für Modernität. Die […] Ansicht, der Beruf des
Kritikers erfordere einen langjährigen Umgang mit den Gegenständen der Kunst
und einen hohen Grad geistiger und seelischer Reife, war eine Fehlmeinung. Ge-
nauigkeit und Verantwortung verleiten ja den Kritiker […] lenken ihn von seiner
Hauptaufgabe, der eigenwilligen, der originellen Selbstdarstellung, ab. (K 49)
Die Hybris des modernen Kunstkritikers personifiziert sich in der Figur des
Professor Quick, der bei der anfangs zitierten Ausstellungseröffnung von Hasils
„Kunstwerken“ auftritt; Quicks „kybernetische Ästhetik“ (K 151) wird zu jenen
Kunstphilosophien und Theorien gezählt, die die Kunstwerke der (westlichen)
Avantgardisten intellektuell untermauert: „Ich habe auch noch nie einen Men-
schen gescheiter über Kunst reden hören (was besagt das schon!), es wird auch
nie wieder einen gescheiter über Kunst formulierenden Menschen geben.“ (ebd.).
Professor Quick, der den Kartonismus verteidigt und die Überlegenheit dieser
neuen Kunst mathematisch errechnet hat (vgl. K 151), zählt, wie ein Rezensent
des Romans anmerkt, zu den „Phrasenmacher[n], Windbeutel[n], d[en] Mana-
gertypen und Kulturhyänen der westlichen Welt“,30 die den „Kartonismus“ als
Beweis dafür sehen, dass die Kulturpolitik der VVR vom Sozialistischen Realis-
mus abweicht und sich für avantgardistische Experimente öffnet. Aus einer vor-
geblichen Liberalisierung in den Künsten wird die Schlussfolgerung einer poli-
tischen Liberalisierung gezogen.
Die Verfallserscheinungen, die Henz an der Kultur sowohl in Ost als auch in
West diagnostiziert, gehen im Kartonismus freilich von beiden Blöcken aus. Jeder
der Blöcke steuert seinen Beitrag zum eigenen Verfall bei, jedoch sind die Sym-
ptome verschiedener Art, woraus das satirische Element resultiert, wenn die
verschiedenen Diskurse sich an einer Schnittstelle, nämlich an der infantilen
Schachtelkunst Hasils treffen, die für die Kunstkritik des Westens eine „adäqua-
30 Theodor Sapper: Die neue satirische Möglichkeit. Ein [sic!] Bemerkung zum „Kartonismus“
von Rudolf Henz. In: Wort in der Zeit 11 (1965) H. 11, S. 46–50, hier S. 48.
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472 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918