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Kohl, das revoluzzernde Delirium, das diese Burschen uns einzusenden wag-
ten!“ (ebd.). Die beiden Lyriker bezeichnet er als „[p]hantastische Exkremente,
gefüllt mit dem Plunder atavistischer Bilder und Vorstellungen“ (AT 336
f.), die
Lyrik mit Titeln wie „Kreuz am Traktor“, „Ungnadenzeit“, „Höllenfahrt“ (AT
337) verfasst hätten. Sie wurden dann „behandelt“ und sechs Wochen später
„haben wir die ersten neuen Produktionen der beiden Burschen auf dem Tisch
liegen“ (ebd.) mit Titeln wie „Sang des Kombinats Meron VI“, „Hymne auf das
BÜRO“, „Rede auf den Tod des Marschall Fritz-Maurin“ (ebd.). Trotzdem stirbt
Rosentot kurz danach und Weidenbein kann keine Kunst mehr ‚produzieren‘,
weil er „fertig“ (ebd.) ist.
In diesem Handlungsverlauf ist das in zentralen Texten des Kalten Krieges
verbreitete Narrativ der „Gehirnwäsche“ erkennbar. Vorläufer dazu gab es bereits
vor 1947 in Aldous Huxleys Brave New World (1932) und Arthur Koestlers Dar-
kness at Noon (1940), die verschiedene Arten von „Gehirnwäsche“ in fiktiven
totalitär regierten Staaten beschreiben. Analogien zwischen Gehirnwäsche und
Psychiatrie in den westlichen Demokratien stellten aber auch Romane wie One
flew over the Cuckoo’s Nest (1962) von Ken Kesey und Sylvia Plaths The Bell Jar
(1963) her, denn, wie David Seed in einer Studie über Brainwashing feststellt, ob
die Kontexte der Texte nun politisch, psychiatrisch oder sozial wären, die Ver-
innerlichung des Prozesses der Kontrolle und Überwachung taucht in fiktiona-
len Texten seit Orwells Nineteen Eighty-Four immer wieder im Narrativ der
„Gehirnwäsche“ auf.122 Seed konstatiert, dass Gehirnwäsche nicht als eine „exo-
tische, unaufhaltsame Prozedur, die den Verstand säubert, sodass andere ihn
umgestalten können“ zu verstehen ist, sondern einem Prozess der extremen phy-
sischen Deprivation, ähnlich der Folter, vergleichbar wäre. So ermöglichten v.a.
neue Technologien eine radikale Veränderung in der Psyche des Menschen.123
In diesen Diskurs schreibt sich auch Heers Dystopie ein. Wenn sich die Kunst-
schaffenden den Anweisungen, nach welchen Normen und Regeln sie ihre Wer-
ke zu gestalten haben, widersetzen, werden sie zunächst in ein „Probelager“ zur
„Umschulung geistiger Arbeiter“ (AT 336) eingewiesen und zwangsweise in das
„Introspektorium“, dem „Inspekt“, wie es die Verantwortlichen nennen, einge-
wiesen. Dort wird die „psycho-physische Struktur des abweichenden Dichters“
(ebd.) analysiert und „christliche Wahnvorstellungen sowie atavistische Rück-
stände“ in ihren Psychen werden ausgemerzt. Dazu dienen brachiale Methoden
wie Elektroschocks, aber auch Eingriffe ins Gehirn, also Lobotomien. Dies führt
häufig zur ‚Heilung‘, wie dies im Jargon der Machthaber genannt wird, denn
zumeist halten sich die Literatinnen und Literaten dann an die Leitideologie des
122 Vgl. David Seed: Brainwashing. The fictions of mind control. A study of novels and films sin-
ce World War II. Kent, Ohio, London: Kent State Univ. Press 2004, S. XIV.
123 Ebd., S. XXV.
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502 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918