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Sozialdemokratie und Kommunismus (Kapitel 3) ebenfalls bereits mehrfach
angesprochen. Auch der Grenzgängerfigur des Spions4 (Kapitel 9), die eine
besonders schillernde, unklare Identität aufweist und immer des Frontenwech-
sels verdächtig ist, ist ein gesondertes Kapitel gewidmet. Im Kapitel zur Liebe
im Kalten Krieg und Texten, die den Romeo-und-Julia-Stoff aufgreifen (Kapi-
tel 3), wurde ein Thema behandelt, das ebenfalls eng mit dem Frontenwechsel
in Verbindung steht, da dieser als Resultat einer erfolgreichen Anwerbung durch
die Figur eines/einer Geliebten von der Gegenseite dargestellt werden kann.
Schließlich ist der im zweiten Kapitel besprochene Augenzeugenschaftsdiskurs
im Zusammenhang mit dem Moment der Überzeugung zu sehen, die durch
positive oder negative Erfahrungen mit einer der beiden Systeme oder Seiten
erfolgt, und als Motivation für den Frontwechsel dargestellt werden kann. Auf-
grund der zentralen Bedeutung des Themas für die unterschiedlichen Diskurs-
stränge des Kalten Krieges sollen hier nun einige literarische Texte als Narrati-
onen des Seitenwechsels systematisiert werden, die in den vorhergehenden
Kapiteln in anderen Zusammenhängen bereits dargestellt wurden. Dabei werden
die Texte nach ihrem Umgang mit dem Moment der Überzeugung differenziert,
wobei sich ein Spektrum von der absoluten ideologischen Überzeugung bis zur
beliebigen ideologischen Zugehörigkeit eröffnet.
Die Begriffe des Renegatentums, der Konversion und der Bekehrung lassen
sich narrativen Konstellationen zuordnen, die mit starken Überzeugungen ope-
rieren. Der Begriff des Renegatentums5 hat sich für die Abwendung vom Kom-
munismus eingebürgert.6 Im Gegensatz zur Konversion oder Bekehrung als
affirmativer Haltung gegenüber einer neu gewonnenen politischen Überzeugung
meint Renegatentum Negation einer Ideologie, die oft von Desillusionierung
begleitet wird und – besonders vor dem Hintergrund des Kalten Krieges – auch
von einer Problematisierung ideologischer Überzeugungen insgesamt.7 Micha-
4 Vgl. Eva Horn, Stefan Kaufmann, Ulrich Bröckling (Hg.): Grenzverletzer. Von Schmugglern,
Spionen und anderen subversiven Gestalten. Berlin: Kadmos 2002.
5 Als Alternative zum Renegatenbegriff, der im kommunistischen Jargon abwertend verwendet
wird, findet sich häufig der Begriff „Ex-kommunisten“. Vgl. Ernst-August Roloff: Exkommunis-
ten. Abtrünnige des Weltkommunismus. Ihr Leben und ihr Bruch mit der Partei in Selbstdarstel-
lungen. Mainz: v. Hase & Koehler 1969. Hermann Kuhn: Bruch mit dem Kommunismus. Über
autobiographische Schriften von Ex-Kommunisten im geteilten Deutschland. Münster: Verl.
Westfäl. Dampfboot 1990. Horst Krüger: Einleitung. Die entzauberten Revolutionäre. In: Ders.:
(Hg.): Das Ende einer Utopie. Hingabe und Selbstbefreiung früherer Kommunisten. Eine Doku-
mentation im zweigeteilten Deutschland. Olten, Freiburg i. Br.: Walter 1963, S. 11–27, hier ab
S.
15. Krüger verwendet aber synonym und alternativ auch den Renegatenbegriff: Vgl. ebd., S.
18.
6 Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 26. Wörtlich verweist ‚Renegatentum‘
auf Widerständigkeit und Negation gegen ein System. Vgl. Marco Carini: Die Achse der Abtrün-
nigen. Über den Bruch mit der Linken. Berlin: Rotbuch 2012, S. 10 f.
7 Horst Krüger stellt fest, dass Fälle impulsiven und kämpferischen Renegatentums wie bei Art-
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506 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918