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Disziplin.“28 Zugespitzt könnte man formulieren, dass die Bekehrung dieser
Figur sogar für den Autor selbst schließlich zu radikal ausfällt. Die abrupte Wen-
dung des Protagonisten vom westorientierten Jugendlichen zum Gewalttäter im
Namen des Kommunismus widerspricht in ihrer Radikalität propagandistischen
Zielen der KP. Der Konvertit oder Bekehrte als Opfer mag propagandatauglich
sein, als Täter ist er alarmierend.
Kommunistische sowie auch religiöse Standpunkte provozieren und produ-
zieren emphatische, zum Teil sogar pathetische Konversions- und Bekehrungs-
erzählungen. Beide haben Verwendung für die Tragik des Märtyrer- und Opfer-
todes sowie die Struktur des Wandlungsdramas. Der Grund dafür ist das
Wahrheitsangebot, das sowohl Religionen als auch die politische Ideologie des
Kommunismus bereitstellen. Dieses anzunehmen, bedeutet Zweifel, dritte Posi-
tionen, politische Indifferenz oder Kompromissbereitschaft auszuschließen. Die
zweiflerische Haltung, die in Fischers Drama in Gestalt Diegos problematisiert
wird, ist unvereinbar mit der Logik dieser Narrative.
Konversion/Bekehrung durch Liebe und Sympathie
Als eine weitere Variante von Bekehrungs- oder Konversionserzählungen lässt
sich die Funktionalisierung des Handlungsmoments der zwischenmenschlichen
Beziehung feststellen. Die „Beeinträchtigung sozialer Bindungen“29 war ein häu-
figer Grund für den Bruch mit dem stalinistischen Kommunismus. Ernst-Au-
gust Roloff stellt in seiner Studie zu Renegatenerzälungen fest, „daß die Bindung
an die Partei keine Angelegenheit grundsätzlicher theoretischer Überlegungen,
sondern sozialer Bezüge“30 sei. Es überrascht daher nicht, dass sich häufig Texte
finden, die Konversion und Bekehrung in den Rahmen von Freundschaften oder
Paarbeziehungen stellen. Dabei wird insinuiert, dass die Liebe für den Partner
oder die Partnerin auch Sympathie für dessen/deren politische Einstellung bedin-
gen könne. Als Allegorie betrachtet hebt diese Konstellation der Verführung zu
einem politischen Bekenntnis durch die Liebe den irrationalen Charakter sol-
cher Anhängerschaft hervor.31
28 Fischer: Das Ende einer Illusion, S. 270.
29 Ernst-August Roloff: Exkommunisten, S. 240.
30 Ebd., S. 241.
31 Vgl. den oben zitierten Satz: „Wer sich in eine Frau verliebt oder in den Schoß der Kirche ein-
geht, tut dies nicht auf Grund logischer Denkvorgänge.“ Koestler: [o.T.]. In: Koestler, Silone
[u.a.] (Hg.): Ein Gott, der keiner war, S. 21. Konversion/Bekehrung 515
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918