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dem Selbstmord zu bewahren. Später arbeitet er für die CIA, wobei die Gründe
nicht etwa Gegnerschaft zum Kommunismus oder demokratische Überzeugung
sind, sondern eine Erpressung durch die CIA, die seine Spitzeldienste für den
Osten aufgedeckt hatte.
Den vielfältigen erzwungenen Bekenntnissen und Seitenwechseln steht die
Figur des Bankbesitzers Otto Fanzelau gegenüber, der nach einem persönlichen
Lebenszweck sucht. Seine Organisation der Finanzierung von Fluchttunneln,
die scheinbar genau die Grenze unterminiert, die den Kalten Krieg ausmacht,
stellt sich schließlich als Mitarbeit an einem großangelegten Spionageprojekt
heraus, das beide Seiten für sich zu nutzen suchen. So schleust der SSD Spione
über Fanzelaus Fluchttunnel in den Westen, erlaubt aber zugleich auch Flucht-
hilfe und liefert Kommunisten ans Messer, um die eigene Tarnung aufrecht zu
erhalten. Machtpolitische Interessen bilden so in fast allen dargestellten Lebens-
bereichen die treibende Kraft, während ideologische Ziele nur zum Schein auf-
gerichtet werden. Wer diese ernsthaft verfolgt, wird schließlich enttäuscht; so
wie Fanzelau, der sich am Ende der Romanhandlung das Leben nimmt.
Anders als in Die Beweisaufnahme erscheint die mangelnde ideologische Fes-
tigkeit der Figuren in Simmels Roman nicht als gesellschaftliches oder persön-
liches Defizit oder Dilemma, sondern als normaler Zustand, was den Diskurs
über die Dichotomie von Kommunismus und westlicher Welt konterkariert. Die
beiden Seiten sind demnach nicht durch eine Grenze zwischen zwei unverein-
baren ideologischen Überzeugungen getrennt, sondern durch die Konstruktion
einer bipolaren Gesellschaft auf der Basis von Machtunterschieden und -inter-
essen. Simmel entwirft damit ein Modell, das die für den Kalten Krieg charak-
teristische Forderung nach persönlicher politischer Überzeugung und politi-
schem Bekenntnis bzw. nach Konversion und Renegatentum ad absurdum führt.
Kritik an ideologischen Frontstellungen im Kalten Krieg 543
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918