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1953, die eine lebhafte Diskussion im Feuilleton des Auslands auslöste. Der eng-
lische Manchester Guardian befand, dass die „Möchtegern-Satire ‚1. April
2000‘, abgesehen von der Schwerfälligkeit des Humors, politische Fragen in ziem-
lich naiver und taktloser Weise“ aufwarf und De Tijd, die niederländische Tages-
zeitung in Belgien, schimpfte über den „besonders schlecht verfassten Film“, der
alles, was österreichisch ist, als grandios hinstellt, während er alles, was die Besat-
zungsmächte beträfe, lächerlich mache.7 Der Spiegel konstatierte, dass der
Film „allen krassen Zeitproblemen, allzu nahen Konfrontierungen“ 8 aus dem
Weg gegangen sei.
Auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller gingen nach dem Krieg solchen
heiklen Themen aus dem Weg und bedienten sich einer Strategie der Überde-
ckung bzw. Verdrängung. Alexander Lernet-Holenia sprach 1945 davon, dass
man nun nur dort fortsetzen müsste, wo man durch „die Träume eines Irren“9
unterbrochen worden war. Ungeniert verkündete Heimito von Doderer sein
Postulat vom „Anschluss [sic!] an die Tiefe der Zeit“10 in der sogenannten
„Athener Rede“, in der er unter Rekurs auf den habsburgischen Mythos eine
Gesellschaft imaginierte, die in dieser Form nie existiert hatte.11
Es ist die während der Besatzungszeit und des Kalten Kriegs besonders sig-
nifikant hervortretende Janusköpfigkeit Österreichs, die sich in widersprüchli-
chen Identitätskonzeptionen äußert, die während des schwierigen Prozess des
„nation buildings“ an die Oberfläche dringen. Koschorke hat darauf hingewie-
sen, dass in staatlichen Gründungsphasen der fiktive und scheinhafte Charakter
des Staates hervortritt. Der „Staat existiert – und ist dennoch Fiktion […]: Er
muss gleichsam jederzeit von seinen Angehörigen (und auch von den anderen)
fingiert werden, um in seiner Existenz Bestand zu haben.“12 Hans Weigel hat
diese auseinanderklaffenden Fiktionen, die einerseits auf einem Mythos basie-
ren, andererseits äußeren Bedingungen ausgesetzt sind, in der CFF-Zeitschrift
Encounter thematisiert: „Austria, the country“, wäre nicht identisch „with
Austria, the myth“.13 Das Land wäre nicht so glücklich und unkompliziert wie
7 N.N.: Die Auslandspresse über den „Österreich-Film“. In: Die Schau 10 (1953) H. 1, S.
13–14,
hier S. 13.
8 N.N.: Schön ist’s, wunderschön ist’s. In: Der Spiegel, 1.10.1952, S. 30–33, hier S. 31.
9 Alexander Lernet-Holenia: Gruß des Dichters. In: Der Turm 1 (1945) H. 4/5, S. 109.
10 Heimito von Doderer: Athener Rede. Von der Wiederkehr Österreichs. In: Ders.: Die Wieder-
kehr der Drachen. Aufsätze, Traktate, Reden. München: Biederstein Verl. 1970, S. 239–247,
hier S. 244: „Die Wiederherstellung von 1945 hat […] den Anschluß an die Tiefe der Zeiten
vollzogen […].“
11 Vgl. Andrew Barker: Doderer’s Habsburg Myth: History, the Novel and National Identity. In:
Anthony Bushell (Hg.): Austria 1945–1955. Studies in Political and Cultural Re-emergence.
Cardiff: University of Wales Press 1996, S. 37–54.
12 Vgl. Koschorke [u.a.]: Der fiktive Staat, S. 10.
13 Hans Weigel: Between „No Longer“ and „Not Yet“. In: Encounter 3 (1955) H. 2, S. 67–70,
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548 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918