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Weltgeschichte, in die unser Gebiet einbezogen bleibt, aufgehört hätten“.44 Dies
sollte sich bereits wenige Monate später angesichts der Krise im benachbarten
Ungarn bewahrheiten und die Neutralität Österreichs auf eine erste Probe stel-
len.
Der gute Samariter
Ein Lateinlehrer in Erika Mitterers Roman Tauschzentrale (1958) vergleicht den
ungarischen Volksaufstand 1956 mit der Schlacht von Salamis (480 v.
Chr.), zwei
für ihn „ähnlich erschütternde Ereignisse“ (TZ 110). Zwar habe „damals wie
heute […] eine Handvoll junger Männer das Geschick des Abendlands entschie-
den“, äußert sich der Mittelschullehrer, relativiert jedoch vorsichtig, dass der
Ausgang des Versuchs „nicht einmal von so entscheidender Bedeutung“ wäre,
als „die Tatsache, daß er überhaupt gewagt werde“ (TZ 110). Dies eröffnet das
Spannungsfeld zwischen Engagement und Neutralität, dem sich Österreich in
den Novembertagen des Aufstands im Nachbarland, mit dem ihn eine gemein-
same Geschichte verband, ausgesetzt sah. Die Schwierigkeit des Lehrers, bei sei-
ner Darstellung neutral zu bleiben, exemplifiziert allegorisch die Position Öster-
reichs während der Ungarnkrise.
Der Hauptfigur des Romans, dem fünfzehnjährigen Berthold Brandstetter, der
den Verlauf des Volksaufstandes via Radiomeldungen und das Leid der Flücht-
linge an der österreichisch-ungarischen Grenze unmittelbar miterlebt, ist die
Niederschlagung des Aufstands durch die Truppen des Warschauer Paktes zunächst
ein Symbol für das Scheitern des eigenen Lebensentwurfs, was eindringlich die
dramatische Wirkung verdeutlicht, die der Volksaufstand auf das damalige Öster-
reich haben musste. Während die gemeinsame Vergangenheit beider Länder im
Rahmen der habsburgischen Monarchie ohnehin stets gegenwärtig ist, liegt eine
noch wichtigere Voraussetzung der Empathie für den „Nachbarn“ in der öster-
reichischen Geschichte nach 1945: Der Freiheitsdrang der ungarischen Bevölke-
rung war für das Österreich der Post-Besatzungszeit, das durch den Staatsvertrag
Souveränität und Neutralität erlangte, zwingend nachvollziehbar.45 Bereits am
28. Oktober 1956 hatte sich die österreichische Regierung mit einem Appell an
die Sowjetunion gewandt und rief dazu auf, die Kampfhandlungen einzustellen.
Mit der Erhebung der ungarischen Bevölkerung gegen die kommunistische
Regierung im Herbst 1956 kehrten in Österreich nicht nur die alten Ängste vor
44 Ferdinand Graf: Zum besseren Verständnis unserer Neutralität. In: Forvm 3 (1956) H. 26,
S. 6–7, hier S. 7.
45 Vgl. Andreas Gémes: Austria and the 1956 Hungarian Revolution: Between Solidarity and
Neutrality. Pisa: Plus-Pisa Univ. Press 2008, S. 22.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918