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und auf die moralische Verantwortung des Einzelnen hin. Berthold, angeregt durch
Berichte im Radio, Gespräche mit seinen Klassenkameraden und Lehrern, aber
vor allem auch aus einer inneren moralischen Zerrissenheit den Ereignissen gegen-
über, ist fest entschlossen, aktiv an der Revolution teilzunehmen:
Wenn ich als Ungar wüßte, was ich zu tun habe, müßte ich es doch jetzt und hier
auch wissen! Das Richtige (oder das Rechte? Kann, unter Umständen, etwas, was
bestimmt nicht das ‚Rechte‘ ist, dennoch das ‚Richtige‘ sein?) – wird doch nicht
von meiner Nationalität und meinem Aufenthaltsort abhängen? Doch! Denn dort
handelt es sich um die Befreiung der Heimat, und es ist nicht meine Heimat, die
besetzt ist. Nicht heute, aber gestern und vielleicht morgen. (TZ 124)
Hier wird klar der Konnex zur Besatzungszeit („gestern“) und zu einer eventu-
ellen kommunistischen Bedrohung („morgen“) gezogen, was das Engagement
Österreichs angesichts der Krise im Nachbarland politisch eindeutig positioniert.
Es ist vor allem die Einsamkeit des Scheidungskindes Berthold, ebenso auch
der anderen Figuren, die der Roman zunächst schildert, mit dem die Autorin
kaleidoskopartig zeigt, wie „das Leben einzelner Menschen im Kontext des
Ungarn-Aufstandes eine neue Richtung nimmt“.49 Berthold versucht, indem er
sich auf einem Lastwagen versteckt, der die Spenden der österreichischen Bevöl-
kerung nach Ungarn bringt, in das umkämpfte Land zu gelangen. Er beobachtet
die vielen Menschen, die zum Haus des Roten Kreuzes unterwegs sind, die „zwei
oder drei Durchsagen im Radio hatten offenbar Tausende auf die Beine gebracht,
und es waren doch keine Befehle gewesen und auch keine herzbewegenden
Appelle, sondern nur, im Anschluß an die Lokalnachrichten, die nüchterne Mel-
dung: ‚Das Rote Kreuz ersucht …‘“ (TZ 132)
Vor dem Haus des Roten Kreuzes wird Berthold Zeuge eines Disputs über
die österreichischen Hilfsmaßnahmen. Ein nicht näher charakterisierter Spre-
cher kritisiert, dass die Hilfsgüter die Aufständischen nicht erreichen würden,
woraufhin eine alte Frau erwidert: „‚Mir ist’s gleich, wer’s bekommt, weil, Hun-
ger haben die alle. Uns hat man auch geholfen, wie wir hungrig waren, alle haben
geholfen, und alle haben bekommen!‘“ (TZ 132). Damit rekurriert die Frau auf
die Hilfe der Besatzungsmächte unmittelbar nach Kriegsende. Als eine Stimme
aus dem Volk die „wurmigen“ Erbsen, die sogenannte Stalinspende vom Winter
1945 ins Treffen führt, hält ein anderer dagegen, dass es eben diese großzügige,
sich vor den Sowjetpanzern nach Österreich retten konnten, gilt unsere besondere Verpflich-
tung und Anteilnahme.“
49 Márta Gaál-Baróti: Die kathartische Wirkung der Ungarischen Revolution in der Tauschzentrale
von Erika Mitterer. In: Martin
G. Petrowsky (Hg.): Dichtung im Schatten der großen Krisen. Eri-
ka Mitterers Werk im literaturhistorischen Kontext. Wien. Praesens 2006. S.
231–252, hier S.
235.
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562 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918