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Besatzungsmedien wird. Wolf, ein ehemaliger Volksschullehrer und einer der
„wenigen Kommunisten, die sich während des Krieges zu bescheidener illegaler
Tätigkeit bereitgefunden hatten“ (HL 460), arbeitet nach 1945 als Redakteur
einer Parteizeitung in Linz und avanciert zu einer „Art Parteikurier“, der zwi-
schen Linz und Wien pendelt und seine „journalistische Tätigkeit nur mehr pro
forma“ ausübt (ebd.). Schindler, der Wolf persönlich kennt, meint, dieser wäre
dazu bestimmt, „es in der Parteihierarchie weit zu bringen“ (ebd.), da er auf ihn
den Eindruck „absoluter Zuverlässigkeit“ (ebd.) macht. Als bekannt wird, dass
die Amerikaner ihn wegen Spionage verhaftet haben, schreibt ein kommunisti-
scher Redakteur der fiktiven Zeitung „Stunde“, dass dies für die Amerikaner nur
ein Vorwand gewesen wäre, um „einen aufrechten kommunistischen Publizisten
in ihrer Zone unschädlich zu machen“ (HL 461). Darüber hinaus wird auf das
Verbrechen hingewiesen, dass ein „Österreicher in Österreich unter falschen
Beschuldigungen von ausländischer Polizei“ (ebd.) verhaftet wird. Die kommu-
nistische Propagandamaschinerie reagiert, als eine sozialdemokratische Zeitung
die Ausführungen der „Stunde“ als „Krokodilstränen der Menschenräuber“
bezeichnet, dementsprechend hart: der sozialistische Leitartikelschreiber wird
als „Lügner und Demagoge“ beschimpft (ebd.). Der Fehde der Journalisten folgt
ein Prozess wegen Ehrenbeleidigung.
Schließlich erfährt Schindler nicht nur, dass Wolf freigelassen werden soll,
sondern er wird von einem Oberst der französischen Besatzungsmacht über die
wahren Hintergründe von Wolfs Verhaftung aufgeklärt: „Das Ganze war mehr
oder minder eine Privatangelegenheit. Ein amerikanischer Offizier hat ihn als
Spitzel angezeigt, derselbe, der sich um Wolfs Mädchen bemüht hat.“ (HL 466)
Federmanns Text macht deutlich, dass die „Wahrheit“ im Propagandakrieg der
verfeindeten Besatzungsmächte auf der Strecke bleibt, da sowohl die Amerika-
ner als auch die Sowjets auf ihre eigene Darstellung des Sachverhalts bestehen
und die dadurch konstruierte Sicht für ihre eigenen Zwecke zu instrumentali-
sieren versuchen:
Natürlich werden die Amerikaner das nie veröffentlichen, weil sie sich sonst un-
sterblich blamieren würden, und Ihr werdet schon gar nichts darüber schreiben,
weil euch sonst euer Held abhanden kommt, der Märtyrer, der unschuldig unter
der amerikanischen Knute geschmachtet hat. (HL 467)
Kurz nach seiner Entlassung wird Wolf in Wien verschleppt und arg misshan-
delt. Wie Schindler erkennen muss, sind es aber diesmal nicht die Amerikaner,
sondern seine eigenen Leute gewesen, da der sowjetische Geheimdienst vermu-
tete, Wolf habe im Gefängnis Geheimnisse an den CIC verraten. Schindler soll
nun in seiner Zeitung die USA beschuldigen, Wolf entführt und misshandelt zu
haben. Er sträubt sich dagegen, weil er die Technik kennt, „die Wirklichkeit so
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606 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918