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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 608 -
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Nagy erleidet diesen Nervenzusammenbruch vor allem deswegen, weil er von einer „krankhaft gesteigerten Angst vor einer Verschleppung“ (NZ 235) beherrscht wird, die sich im Romanverlauf zwar als nicht vollkommen unbegründet, aber auch nicht als tatsächlich greifbare Gefahr herausstellt. Zwei Exil-Ungarn, die Nagy während eines Aufenthaltes im Wallfahrtsort Mariazell auf der Suche nach seiner Frau kennenlernt, sind für ihn potentielle „Menschenräuber“, also Agen- ten des ungarischen Staatssicherheitsdienstes, die den Dissidenten nach Ungarn verschleppen wollen: „Als Agent sind Sie entweder beauftragt, die Flüchtlinge auszuspionieren und die Kartei der AVO durch Ihre Meldungen zu ergänzen. Oder auf Menschenraub spezialisiert.“ (NZ 199) Als seine Frau plötzlich ver- schwindet – sie hat das Angebot erhalten, in einer westdeutschen Chemiefabrik zu arbeiten –, ist dies ein Indiz für Nagy, dass sie verschleppt worden sein könn- te. Darüber hinaus verdächtigt er eine alte Serbin, bei der er zur Untermiete in Wien wohnt, dass sie seine Telefongespräche abhört, um seine Verschleppung einzufädeln. Deswegen hat Nagy eine billige unauffällige Aktentasche gekauft, in der er seine Schreibhefte sowie seine Zahnbürste, Handtuch und Seife ver- wahrt, um jederzeit flüchten zu können (vgl. NZ 221). Nagys Angst vor Entführung erzeugt bei ihm die Vorstellung, dass jeder sein Feind sein könne, dass seine Feinde zwar omnipräsent, aber unsichtbar seien, was letztlich zu seinem Nervenzusammenbruch führt.81 Diese für den Kalten Krieg typische Paranoia fand in zahlreichen Science-Fiction-Thrillern des popu- lären US-amerikanischen Kinos, wie etwa Invasion of the Body Snatchers (1956) oder The Manchurian Candidate (1962) ihren Ausdruck. Der unbestimmte, nicht lokalisierbare Feind wird zur Projektionsfläche von Nagys sozialen und kultu- rellen Ängsten im Österreich nach 1955, das nun nicht mehr von den Sowjets besetzt war, die jedoch durch den vermuteten Einsatz von Hintermännern als Bedrohung noch präsent blieben. Nagys Verdacht, dass er das Ziel einer Ver- schwörung ist, im Hintergrund bereits seine Verschleppung nach Ungarn in die Wege geleitet wird, stellt sich als unbegründet heraus. Henz’ 1961 erschienener Roman siedelt seine Handlung im Jahr 1957 an, also einige Jahre nachdem das Phänomen Menschenraub seinen diskursiven Höhepunkt erreicht hatte. Indem er ausgerechnet auf dieses Motiv zurückgreift, um die Ängste eines ungarischen Flüchtlings zu verdeutlichten, wird deutlich, dass der Vorwurf des Menschen- raubs sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus seinem ursprünglichen historischen Kontext gelöst hat und zu einem fixen Klischee für den kommunistischen Osten geworden ist. In die letzten Monate der Besatzungszeit fällt die Ausstrahlung des Hörspiels Weg in die Vergangenheit von Carl Merz und Helmut Qualtinger durch den ame- 81 Eva Horn: Der geheime Krieg, S. 383. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 608 15 Verschleppung und Menschenraub
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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