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Nagy erleidet diesen Nervenzusammenbruch vor allem deswegen, weil er von
einer „krankhaft gesteigerten Angst vor einer Verschleppung“ (NZ 235) beherrscht
wird, die sich im Romanverlauf zwar als nicht vollkommen unbegründet, aber
auch nicht als tatsächlich greifbare Gefahr herausstellt. Zwei Exil-Ungarn, die
Nagy während eines Aufenthaltes im Wallfahrtsort Mariazell auf der Suche nach
seiner Frau kennenlernt, sind für ihn potentielle „Menschenräuber“, also Agen-
ten des ungarischen Staatssicherheitsdienstes, die den Dissidenten nach Ungarn
verschleppen wollen: „Als Agent sind Sie entweder beauftragt, die Flüchtlinge
auszuspionieren und die Kartei der AVO durch Ihre Meldungen zu ergänzen.
Oder auf Menschenraub spezialisiert.“ (NZ 199) Als seine Frau plötzlich ver-
schwindet – sie hat das Angebot erhalten, in einer westdeutschen Chemiefabrik
zu arbeiten –, ist dies ein Indiz für Nagy, dass sie verschleppt worden sein könn-
te. Darüber hinaus verdächtigt er eine alte Serbin, bei der er zur Untermiete in
Wien wohnt, dass sie seine Telefongespräche abhört, um seine Verschleppung
einzufädeln. Deswegen hat Nagy eine billige unauffällige Aktentasche gekauft,
in der er seine Schreibhefte sowie seine Zahnbürste, Handtuch und Seife ver-
wahrt, um jederzeit flüchten zu können (vgl. NZ 221).
Nagys Angst vor Entführung erzeugt bei ihm die Vorstellung, dass jeder sein
Feind sein könne, dass seine Feinde zwar omnipräsent, aber unsichtbar seien,
was letztlich zu seinem Nervenzusammenbruch führt.81 Diese für den Kalten
Krieg typische Paranoia fand in zahlreichen Science-Fiction-Thrillern des popu-
lären US-amerikanischen Kinos, wie etwa Invasion of the Body Snatchers (1956)
oder The Manchurian Candidate (1962) ihren Ausdruck. Der unbestimmte, nicht
lokalisierbare Feind wird zur Projektionsfläche von Nagys sozialen und kultu-
rellen Ängsten im Österreich nach 1955, das nun nicht mehr von den Sowjets
besetzt war, die jedoch durch den vermuteten Einsatz von Hintermännern als
Bedrohung noch präsent blieben. Nagys Verdacht, dass er das Ziel einer Ver-
schwörung ist, im Hintergrund bereits seine Verschleppung nach Ungarn in die
Wege geleitet wird, stellt sich als unbegründet heraus. Henz’ 1961 erschienener
Roman siedelt seine Handlung im Jahr 1957 an, also einige Jahre nachdem das
Phänomen Menschenraub seinen diskursiven Höhepunkt erreicht hatte. Indem
er ausgerechnet auf dieses Motiv zurückgreift, um die Ängste eines ungarischen
Flüchtlings zu verdeutlichten, wird deutlich, dass der Vorwurf des Menschen-
raubs sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus seinem ursprünglichen historischen
Kontext gelöst hat und zu einem fixen Klischee für den kommunistischen Osten
geworden ist.
In die letzten Monate der Besatzungszeit fällt die Ausstrahlung des Hörspiels
Weg in die Vergangenheit von Carl Merz und Helmut Qualtinger durch den ame-
81 Eva Horn: Der geheime Krieg, S. 383.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
608 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918