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movierte 1938. Als Student war er Mitglied des katholischen Cartellverbands. 1940 zur
Deutschen Wehrmacht einberufen, wo er als „Wehrbetreuungs“-Unteroffizier einer Luft-
nachrichtenkompanie in Norddeutschland für ideologisch-weltanschauliche Fragen
zuständig war. Im März 1946 kehrte er nach Wien zurück. In autobiographischen Aus-
sagen und Notizen hielt er seine Tätigkeit in österreichischen Widerstandskreisen fest,
jedoch ist seine Verfolgung durch die Gestapo und seine Zeit bei der Wehrmacht aus
historischer Perspektive umstritten. Seit 1946 war er Redakteur der katholischen Monats-
schrift Wort und Wahrheit sowie Mitarbeiter an der Zeitschrift Die Furche, die sich
für eine katholische Erneuerung und eine Versöhnung der politischen Lager in Öster-
reich einsetzte. Heer fungierte von 1948 bis 1961 als Redaktionsmitglied der Furche. Er
veröffentlichte zahlreiche Aufsätze, Rezensionen, Theaterkritiken, Vorträge, Radiobei-
träge und wissenschaftliche Vorlesungen. Heer trat für die Auflösung der Spannungen
zwischen Ost und West sowie gegen das Wettrüsten der Supermächte ein. 1949 erschien
im Wiener Europa-Verlag das Gespräch der Feinde, ein Plädoyer für den Dialog über kon-
fessionelle und ideologische Grenzen hinweg. Seine Gesprächsbereitschaft mit ideologi-
schen Gegnern wurde in der kommunistischen Zeitschrift Tagebuch gelobt. Das Thema
der Feindesliebe entwickelte Heer in einigen Vorträgen sowie dem Essay Begegnung mit
dem Feinde (1955). Wegen seiner Kritik an den sowjetischen Arbeitslagern wurde er von
Ernst Fischer angegriffen. 1956 unterschrieb Heer einen Protest gegen den Einmarsch
der Truppen des „Warschauer Paktes“ in Ungarn.
Ein 1956 in der Furche erschienener Aufsatz, in dem Heer die im Zuge des „Tau-
wetters“ entstehenden antistalinistischen Tendenzen der Sowjetunion würdigte, wurde
in der österreichischen Presse stark kritisiert. Heer galt als „Linkskatholik“, der offen
für kritische Ideen war. Anlässlich seiner Ernennung zum Dramaturgen am Burgtheater
1961 kam es zu Vorwürfen wegen Mitläufertum und Vorschubleistungen gegenüber dem
Sowjet-Kommunismus, die u.a. von Hans Weigel und Friedrich Torberg vorgebracht
wurden. Von Torberg als „Abraham a Santa Unclara“ bezeichnet, verteidigte ihn Viktor
Matejka im Tagebuch. 1950 erschien Heers utopischer Roman Der achte Tag im katho-
lischen Tyrolia-Verlag. Um seine wissenschaftliche von der literarischen Tätigkeit zu
trennen, veröffentlichte er das Buch unter dem Pseudonym Hermann Gohde. Der Roman
befasst sich mit der Rolle des Christentums in einem zukünftigen totalitären Weltstaat.
Neben der positiven Rezeption des Romans in der Tradition der utopischen Literatur
führte die kirchenkritische Dimension des Werks zur Diskussion sowohl über theolo-
gische als auch literarische Fragen. In der den Roman betreffenden öffentlich ausgetra-
genen Auseinandersetzung mit dem katholischen Volksbildner Ignaz Zangerle ging es
u.a. darum, ob die Gefahr eines kommenden Weltkriegs durch die politische Gefahren-
lage bedingt sei oder durch den Unglauben vieler Katholiken. Zangerle sah auch in der
Beschreibung der totalitären Gesellschaft eine Gefahr, da diese durch ihre suggestive
Wirkung Diktaturen den Weg bereiten könnte. Obwohl er in akademischen Kreisen
umstritten war, wurde ihm 1961 eine außerplanmäßige Professur an der Universität
Wien verliehen. Bis 1971 war er als Dramaturg am Burgtheater tätig, anschließend folg-
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632 Autorinnen- und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918