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ZwischenGhettogeschichteund‚Trauerspiel‘ 69
Ich fühlemichverpflichtet, hier eine Schreibflüchtigkeit öffentlich zuberichtigen. […]
ichwollte keineswegs ihreKindheitmit derTrägheit derGestalt identifizieren,wie Sie
sie jaalsabstoßendundunansehnlichgeschilderthaben,währendeingütigesGeschick
SiemiteinerebensoanziehendenalseinnehmendenErscheinungundUmgangsformen
bedachthat.200
Ausdrücklichweist sieaufdieLeistungvonFeldmannseigenerEmanzipation
ausdemGhettohin:„Ichweißnurzugut,daßmehrwiebeianderen,beiIhnen,
‚sichbeharrlichringendderGedanke,dasElementunterwerfen‘konnte.“Sie
schwächtdamitnichtnur ihreeigene, sondernauchdieKritikderübrigenRe-
zensentenab:„wiedieWienerKritikvielfachdieÄhnlichkeitnurdarinfinden
[konnte],daßdasjungeMädchengeistigundsittlichüberihrerUmgebungsteht
undtiefdarunter leidet.“Benediktflicht ihrnachträglichLorbeeren, indemsie
FeldmannsStücknichtnur inBuchform,sondernauchaufdemVolkstheater,
„wennnichtanderBurg“201 zusehenwünscht.
InHinblickaufFeldmannsweiblicheAutorschaftsinddieReaktionender
Pressewidersprüchlich. Stempelt Paul BeckmannvonderArbeiter Zeitung
in seiner Rezension das Stück als „sentimental“ ab und schreibt er seinen
Erfolg ausschließlichder „Kunstder (Darstellerin)LiaRosenzu“,202 so lobt
hingegenMoritzScheyerdessen„wohltuendeNatürlichkeit“undsprichtvon
„demLeuchteneinerstillenPoesie“.203Anderemokierensichhingegenüber
die„GrausamkeitdeswilddramatischsichgebärdendenBlaustrumpfs indem
Stück,daskeines ist“,204 sprechenvon„rührendungeschicktgebaut[er]und
geformt[er]“Handlung,beiderauch„diebesteDarstellung[…]wenigretten
undhelfenkann“,205oderäußernsichabschätzigüberdasStück,daseinen„ein
bißchennovellistischenTitel trägt“, indemsievonderWarte ihrer ‚männli-
chenÜberlegenheit‘ ausgönnerhaftbemerken: „Eshat aucheineDamezur
Verfasserinundsoll eindramatischesErstlingswerksein.“206
Vehement inSchutzgenommenwirdFeldmannhingegenvonCarlColbert,
der imAbenddagegenhält:
Auf derVolksbühne in derNeubaugasse ist vorgestern eine sehr großeBegabung ent-
decktworden.Die Fachleute fanden, daß dem jungenMädchen [Feldmann ist zu der
200 ClothildeBenedikt:OffenerBriefanFrl.ElseFeldmann. In:Dr.Bloch’sWochenschrift.Nr.:
10.03.03.1916.S.
166.
201 Ebd.:S. 166.
202 PaulBeckmann:Volksbühne.DerSchrei,denniemandhört! In:AZ13.02.1916.Nr.:44.
203 MoritzScheyer:Theater,KunstundLiteratur. In:NeuesWienerTagblatt.13.02.1916.
204 IllustriertesWienerExtrablatt.13.02.1916.S. 9.
205 Ebd.:S. 9.
206 A. L.:TheaterundKunst.DerSchrei,denniemandhört! In:ÖsterreichischeVolkszeitung.
13.02.1916.S. 8.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien