Seite - 71 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Bild der Seite - 71 -
Text der Seite - 71 -
ZwischenGhettogeschichteund‚Trauerspiel‘ 71
hartherausmeißelt“,beanstandetaber:„DasergibteinigedrastischeLebenspho-
tographienvonsouveränerGefühlskälte,denendiephilo-wieantisemitische
Regie fehlt.“211
UnverhohleneAblehnunggegenüberdem„gar trübseligenSchauspielaus
demGhetto“äußertderRezensentdes IllustriertenWienerExtrablattes,dervon
„lauterverlottertenundverkommenenSubjekten, jedesmiteinemgelbenFleck
aufderEhrbehaftet“,spricht,dieFigurderPamelains„Widerliche,Abstoßende,
Perverse“gerücktsiehtunddie JungenimStückpauschalals„jüngereDege-
neration“212diffamiert.A. L.findetangesichtsderHerkunftFeldmannszwar
erklärlich,dasses sichbeimSchrei, denniemandhört!umein„sogenanntes
Ghettostückhandelt“, sieht eine solcheVerortung aber als entbehrlich und
„nichtabsolutnotwendig“an.Feldmannsanscheinend„außergewöhnliches
Beobachtungstalent“, soA. L.weiter, „könnteebensoaußerhalbder Judengasse
Menschenfinden, die leben, leiden, duldenunddieLast ihrer beschwerten
Herzenertragen,oderauchdarunterzusammenbrechen“.DenVerzichtaufdie
jüdischePerspektivevorausgesetzt,würdemansichaufein„baldigesWieder-
sehen[…]herzlich freuen,dochnurnicht ineinemGhetto“.213
Offen antisemitisch äußert sich die christlich-sozialeReichspost,wovon
einem„hysterischerregte[n], schwerfällig inFlußgeratende[n]“Stück,dem
„altenFluchedes jüdischenBlutes“214 sowieangesichtsderKonjunkturdes jü-
dischenJargon-undMilieustückesaufdenWienerBühnenvonVerzichtbarkeit
bezüglichFeldmannsStückdieRede ist.
NochabschätzigerklingtdiedeutschnationaleOstdeutscheRundschau, inder
keinHehlausdemÜberdrussanStückenausdemjüdischenGhettogemacht
wird:
DerSchrei, denniemandhört,wurde seit einemJahrzehnt in so vielenGhettostücken
ausgestoßen, daß ihn selbst derTaube schonhört,wenn sichaufderBühnedie Juden-
gasse auftut.Manmußsichwundern, daßnoch immerGhettostücke geschriebenwer-
den,daß sienoch immerGefallenfinden. […]Es ist der gleicheSchmutz, der inmehr
oderminderumständlicherZustandsschilderung ausgebreitetwird, es ist abernur sel-
ten brauchbaresTheater, das sich aus denNiederungen erhebt. Else Feldmann scheint
alleGhettostückegelesenzuhaben,offenbarzudemZwecke,umausdemDutzendein
Dreizehnteszugewinnen.215
211 LudwigUllmann:TheaterundKunst.DerSchrei,denniemandhört! In:WienerMittags-
Zeitung.15.02.1916.S.
4.
212 IllustriertesWienerExtrablatt.13.02.1916.S. 9.
213 A. L.:TheaterundKunst.DerSchrei,denniemandhört!O. a.: S. 8.
214 Volksbühne.DerSchrei,denniemandhört!EinGhetto-SchauspielvonElseFeldmann. (N.
gez.) In:Reichspost13.02.1916.Nr.:72.S. 13.
215 OstdeutscheRundschau14.02.1916.S. 6.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien