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die imTreibhauselterlicherFürsorgeaufwachsen“,280 entsprichtganzdemvon
Zweig inseinerWeltvongesternbeschriebenennaivenMädchentypus:
[…]inihremWesenderexotischenZartheitvonTreibhauspflanzenähnlich,dieinGlas-
häusernineinerkünstlichen,überwärmtenAtmosphäreundgeschütztvorjedembösen
Windhauchaufgezogenwurden.Daskunstvolle, gezüchteteProdukt einerbestimmten
ErziehungundKultur.SowolltedieGesellschaftvondamalsdasjungeMädchen:töricht
und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig, schamhaft, unsicher und un-
praktisch unddurch diese lebensfremdeErziehung von vorneherein bestimmt, in der
EhedannwillenlosvomManngeformtundgeführtzuwerden.281
Soverzeiht siedennauchihremMann,was ihnzu innererUmkehrveranlasst
undvielleichtauchdenerstenAnflugaufrichtigenGefühlszwischendenbei-
denevoziert.AuchdieserErzählungist,wiebereitsBettinaundderFaun,ein
HinweisaufKonsequenzengesellschaftlicherUnterschiedeunterlegt, indem
alsMotiv fürdieGeldheiratdieprekärenVerhältnisse inderHerkunftsfamilie
desMannesangeführtwerden:
Ermußte reichheiraten,umseinengreisenElterndraußen inderKleinstadtdie Sorge
umseinebeidenSchwesternabzunehmen.DasGeschäft, indemsie tätigwaren, stand
vorderAuflösung,underwolltedenbeidenalterndenMädchendieDemütigungerspa-
ren, sich jetzteineneueExistenzgründenzumüssen.282
Dieses inderLiteraturvonAutorinnenumdie Jahrhundertwendevielfachdis-
kutiertePhänomenderbürgerlichenVersorgungsehewirdbeiFeldmannspäter
indasUmfelddesKleinbürgertumsunddesProletariats transferiert,wenn
sievondenBeziehungenvonVerkäuferinnenimWarenhaus,Stubenmädchen
odereinerHeimarbeiterinberichtet,dieallesamtandereAnforderungenan
eineBeziehungstellenalsMänner.283Soz. B. inderErzählungVordemKino, in
derFeldmanndasGesprächeinesungleichenLiebespaareswiedergibt. Istdie
LiaisonfürdenausbürgerlichemUmfeldstammendenMannunverbindlich,
kannsichdas jungeMädchenhingegeneineLiebelei,wie sie vonSchnitzler
indemgleichnamigenStück1895gestaltetworden ist, eigentlichnicht leis-
ten, sondernmussanseineZukunftdenken.Durch ihrenEinwand,dass sie
befürchte,andieseraussichtslosenLiebeseelischzuerkranken, fühlt sichder
280 Ebd.:S.
27.
281 StefanZweig:DieWelt vonGestern.ErinnerungeneinesEuropäers. Frankfurt amMain.
Fischer1978.S. 80ff.
282 ElseFeldmann:Sophia.O. a.: S. 28.
283 Vgl.:ElseFeldmann: Josefine. In:AlexanderKluy(Hg.):ElseFeldmann.TravestiederLiebe
undandereErzählungen.Wien.editionatelier2013.S. 40–47;dies.:Hände. In:AZNr.:37.
07.02.1925.S. 5.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien