Page - 90 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Image of the Page - 90 -
Text of the Page - 90 -
90 JournalistischeArbeiten
die imTreibhauselterlicherFürsorgeaufwachsen“,280 entsprichtganzdemvon
Zweig inseinerWeltvongesternbeschriebenennaivenMädchentypus:
[…]inihremWesenderexotischenZartheitvonTreibhauspflanzenähnlich,dieinGlas-
häusernineinerkünstlichen,überwärmtenAtmosphäreundgeschütztvorjedembösen
Windhauchaufgezogenwurden.Daskunstvolle, gezüchteteProdukt einerbestimmten
ErziehungundKultur.SowolltedieGesellschaftvondamalsdasjungeMädchen:töricht
und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig, schamhaft, unsicher und un-
praktisch unddurch diese lebensfremdeErziehung von vorneherein bestimmt, in der
EhedannwillenlosvomManngeformtundgeführtzuwerden.281
Soverzeiht siedennauchihremMann,was ihnzu innererUmkehrveranlasst
undvielleichtauchdenerstenAnflugaufrichtigenGefühlszwischendenbei-
denevoziert.AuchdieserErzählungist,wiebereitsBettinaundderFaun,ein
HinweisaufKonsequenzengesellschaftlicherUnterschiedeunterlegt, indem
alsMotiv fürdieGeldheiratdieprekärenVerhältnisse inderHerkunftsfamilie
desMannesangeführtwerden:
Ermußte reichheiraten,umseinengreisenElterndraußen inderKleinstadtdie Sorge
umseinebeidenSchwesternabzunehmen.DasGeschäft, indemsie tätigwaren, stand
vorderAuflösung,underwolltedenbeidenalterndenMädchendieDemütigungerspa-
ren, sich jetzteineneueExistenzgründenzumüssen.282
Dieses inderLiteraturvonAutorinnenumdie Jahrhundertwendevielfachdis-
kutiertePhänomenderbürgerlichenVersorgungsehewirdbeiFeldmannspäter
indasUmfelddesKleinbürgertumsunddesProletariats transferiert,wenn
sievondenBeziehungenvonVerkäuferinnenimWarenhaus,Stubenmädchen
odereinerHeimarbeiterinberichtet,dieallesamtandereAnforderungenan
eineBeziehungstellenalsMänner.283Soz. B. inderErzählungVordemKino, in
derFeldmanndasGesprächeinesungleichenLiebespaareswiedergibt. Istdie
LiaisonfürdenausbürgerlichemUmfeldstammendenMannunverbindlich,
kannsichdas jungeMädchenhingegeneineLiebelei,wie sie vonSchnitzler
indemgleichnamigenStück1895gestaltetworden ist, eigentlichnicht leis-
ten, sondernmussanseineZukunftdenken.Durch ihrenEinwand,dass sie
befürchte,andieseraussichtslosenLiebeseelischzuerkranken, fühlt sichder
280 Ebd.:S.
27.
281 StefanZweig:DieWelt vonGestern.ErinnerungeneinesEuropäers. Frankfurt amMain.
Fischer1978.S. 80ff.
282 ElseFeldmann:Sophia.O. a.: S. 28.
283 Vgl.:ElseFeldmann: Josefine. In:AlexanderKluy(Hg.):ElseFeldmann.TravestiederLiebe
undandereErzählungen.Wien.editionatelier2013.S. 40–47;dies.:Hände. In:AZNr.:37.
07.02.1925.S. 5.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
back to the
book Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit"
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien