Seite - 121 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
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relangerQual,wenndasGeschöpf tief imHerzenderMutter ist [Hervorh.v.
E. F.], es langsamverderbenzusehen.“446
EinerseitswirddieUnerträglichkeit realherrschenderZuständedurchdie
ZustimmungzueinemderartigenVorschlagauferschütterndeWeiseakzentu-
iert:
IndenFürsorgestellenderHeilanstaltAlland–wirhabennurdie eine für tausendeTu-
berkulose [Hervorh.v.E. F.]–kannmandaseineBildderZerstörungsehenwie täglich
kleineKinderhingebrachtwerdenmitdemschrecklichenlangsamenTodimLeibe.Man
mußdenskelettartigabgemagertenKörpereinessolchenKindessehen,dasmühsameAt-
menseinerarmenBrust.UnddieMutterstehtdabeiundmußesmitansehen.[Hervorh.v.
E.
F.] Sie erfährt vondenÄrzten,daß ihrKind lungenkrank ist, daßesabernichtsgibt,
eszuretten.447
InAnbetrachtrealumgesetzterEuthanasie imNationalsozialismuserscheint
dieunumwundeneZustimmungFeldmannszudiesemtheoretischenVorschlag
aberäußerstprekär.
DasThemader ledigenMutterschaftwirdauch ineinemanderenBeitrag
aufgegriffen,woFeldmann–einpoetologischesPrinzipderNeuenSachlichkeit
aufgreifend–eine jungeFraumiteinemSäuglingaufdemArmbeobachtet.448
IndieStraßenbahnstiegeineFrauein.SiemochteetwafünfundzwanzigJahrezählen.Sie
kamausderGebärklinikundhatte einenSäugling aufdemArm.Sie sahnicht auswie
eineverheirateteFrauderwohlhabendenStände.An ihremFinger fehltederRingund
auch sonstmerktemanes ihr an,daß sie vielleichtnicht immergetanhatte,was ‚recht
undbillig‘war. […]DasKindschriekläglichund lebensschwach.Wieverlassenmußte
dieFrausein,wennniemandsieabgeholthatte. IhrGesichtwartotenblaß.Diemageren
entkräftetenHändekonntenkaumKindundBündelhalten.Bei einerHaltestelle steigt
dieFrauum.Sie fährt indieVorstadt.449
In die „Hölle derArmut“, wie Feldmann kommentiert, die demLeser das
Gesehene alsMenetekel vorAugen stellt: „DerKampfder Straße trägt den
Kampf indieHäuserundnimmt ihnendenFriedenundsagt: ‚Nie sollt ihr
Ruhefinden, solangeesdraußenRuhelosegibt‘…“450
Auffallendangesichts ihrerAuseinandersetzungmitdemThemader ledi-
genMutterschaftist,dassFeldmannindiesemZusammenhangzudeminder
Zwischenkriegszeitbesonders imUmfeldderSozialdemokratieheißdiskutier-
tenThemaderAbschaffungdesAbtreibungsparagraphen144nichtStellung
446 Ebd.:S.
4.
447 Ebd.:S.
4.
448 Vgl.: S. 126vorliegenderArbeit.
449 ElseFeldmann:Herbsttag. In:AZNr.:280.12.10.1923.S. 9.
450 Dies.:Herbsttag. In:AZNr.:280.12.10.1923.S. 9.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien