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258 PoetikdesSchreibensvomRand
nochdasei. Ja, siewarnochda.Dahinter?IchsuchteaufdemPlan:Maisond’Accouche-
ment.Gut.Manwirdsieentbinden–mankanndas.WeiterrueSaint-Jaques,eingroßes
GebäudemiteinerKuppel.DerPlangabanVal-de-grâce,Hôpitalmilitaire.Dasbrauch-
te icheigentlichnichtzuwissen[…].DannhabeicheineigentümlichstarrblindesHaus
gesehen,eswarimPlannichtzufinden,aberüberderTürstandnochziemlichleserlich:
Asyledenuit.826
MaltemöchtedieAugenvordenandiesenOrten (hier:Hospitäler,Entbin-
dungsheimundObdachlosenasyl) sichtbarwerdendengesellschaftlichenRea-
litätenamliebstenverschließen–„DieLeuteversammeltensichumihn,das
erspartemirdenRest.“–undist froh,wennsiehinterMauernvondemöffentli-
chenLebenabgeschlossenbleiben.ElseFeldmanndagegenlenktihrenBlickauf
Menschen,diesichinderGesellschaftineinemkrisenhaftenZustandbefinden:
„Ich interessiertemichdamals fürdieseErscheinungder schwangerenFrau
amBau“, schreibt sie ineinemBeitrag fürdasNeueWiener Journal, indemsie
berichtet, „daßdreiViertelallerArbeiterinnen,dieMörtel schleppten,Ziegel
führten,aufLeiternundGerüstenkletterten, inSonne,RegenundWindim
Freienwaren,neueMenschenlebeninsichtrugen“,dieaufgrundderArbeits-
umständedieserFrauennurvonkurzerDauer sind. „DieFraubekamjedes
JahreinKind.Siekonntekeinesmehrgroßbringen, sowieeseinpaarMonate
altwar, starbes.DieFrauarbeitetebiszu ihrerNiederkunftamBau.“827
ArmutwirdbeiFeldmannnichtwiebeiRilke inseinemGedichtSie sindes
nicht (1903)alsein„großerGlanzaus Innen…“828 romantisiert, sonderndem
Leser inderDrastik ihrerAuswirkungenvorAugengeführt.Wiez.
B. ineinem
anderenFeuilleton,woFeldmann–mitdemTitel„ZudenMütternmüßt ihr
hinuntersteigen…“ aufdasThemader ledigenMutterschaft inFaustBezug
nehmend–denFall einer jungenFrauaufgreift,die sich,umder„Eintönigkeit
desBureaulebenszuentgehen“,829 aufeineAffäremiteinemKollegeneinlässt
und,alsdieserzumKriegsdiensteinberufenwird,ein ledigesKinderwartet.
FeldmannschildertdarinsowohldiekrisenhafteZeitderSchwangerschaft,
inderdieFrau,alsdasKriegsendenichtabzusehenistunddieEntfremdung
zwischenbeidenzunimmt,„begriff[…],daßdasNeue,derDienst imKrieg
ihngefangenhielt, ihmlangsamseineigentlichesSelbstnahmundeinerKette
826 RainerMariaRilke:DieAufzeichnungendesMalteLauridsBrigge.KommentierteAusgabe.
Stuttgart.Reclam1997.S. 7.
827 ElseFeldmann:VordemKriege. In:NWJNr.:9195.08.07.1919.S. 7–8.Hier:S.
8.
828 RainerMariaRilke: ‚Sie sindesnicht‘ [ausdemStundenbuch]. In:RainerMariaRilke.Sämt-
licheWerke.Hg.v.ErnstZinn.Bd. 1–6.Wiesbaden,FrankfurtamMain. Insel1955–1966.
S. 3555.
829 Dies.: „ZudenMütternmüßt ihrhinuntersteigen…“In:DANr.:61.29.03.1917.S. 7.
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© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien