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3 Briefe
73)AnMariaCharlotteSweceny,o.O. [St.Wolfgang],o.D. [ca.
EndeMai1941]
L.L.,m.H.,
vielenDankfürDeinliebesBrieferl.MeinBrieferlwirstDu,hoffentlich,
inzwischen auch schon bekommen haben. – Es ist sonderbar, dass Du
von allem, was im Hause ist, eigentlich nur vom Wetterfleck geredet
hast. Dieser Wetterfleck liegt jetzt auf dem Sessel vom Hans V., und auf
dem Bett liegt unten die Decke, die in Wien auf dem Diwan gelegen ist.
Wiemerkwürdig,dassDueineAhnunggehabthast, dassdamit etwas
los ist!
Mit Norbert H. und der Baronin Soko war ich vorgestern in Ischl, und
gestern soupiertenwir imRössl. In Ischlhabe ichSpargel gekauft, und
dann waren wir in der Kaiservilla drin, wo wir die Jagdtrophäen besich-
tigt | haben und den Schreibtisch, an welchem die ganze Geschichte
vorgegangen ist.
Hasen gibt es in Gastein jetzt keine mehr, dafür aber einen Spielhahn.
Wenn ich zum Blockhausgehe, sitzt er imGras und fliegtmit großem
Gepolterdavon.DieHasenwerde ich in „andernWäldern“besichtigen
undwerde sievonDir schöngrüßen.Esgibt aber inderGegendnicht
viele, undsiehabendieSeltenheit vonHirschen.
Ich schlafe sehrvielundarbeitegarnichts:dies ist einZustand,den
ich mir immer schon gewünscht habe. Aber es ist doch eigentlich ein
sonderbarer Zustand, eine auf etwas unwirkliche Art zwischen den
Zeiten schwebende Zeit. Man hat, in solchen Zeiten, allerhand Gefühle;
unddieseGefühlewissen,was siemeinen, –aberes istnatürlich schwer
wie immer, sie richtig zudeuten. |
Es ist eigentümlich, dass man die Zeiten eigentlich immer erst später
richtig lebt,wennmanweiß,wiealles ausgegangen ist. ImAugenblick
selbst verstehtmannichtwirklich, sie zu leben.
Ichbinsehr froh,dass ichdenFilminWienzuEndegeschriebenhabe.
Eswäremir sehrunangenehm,hätte ich jetztdarannochzuarbeiten.
Aber ich bezweifle nicht, dass die Leute demnächst mit der ganzen
Geschichte wieder über mich herfallen und allerhand verlangen werden.
Nun, ich will dagegen unternehmen, was ich kann. Mit der Zähigkeit
eines Beamten, will ich die Geschichte so weit zurückdrängen, als ich
nurkann.
Es tut mir so leid, dass jetzt immer noch alles zu sehr im Ungewissen
schwebt, als dass man irgendwelche genauen Pläne machen könnte.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik