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3.4 Briefe1941
ImverschneitenHain, beidenFichten.
N.
107)AnMariaCharlotteSweceny,St.Wolfgang,26.12.1941
M.l.H.,
amheiligenAbendwar ichbei Jannings.Eshatteeinweniggeschneit,
danachaberfiel starkerWindein.Hinübergingesnochganzgut.Drü-
ben war es sehr merkwürdig, daß der Vogel in der Nacht zu singen
begann, was er sonst nie tut. Inzwischen wurde der Wind immer stärker,
undesfingauchzuregnenan.Sowaresalsonichtganzeinfach,wieder
zurückzukommen. Ichunternahmesaberdoch,gegenhalbzwölfUhr.Zu-
erst fuhr ichvondrübenquerherüberbiszumGrandHotel,dannschlich
ich mich unter Land bis zum Leuchtturm. Um diesen herumzukommen,
war ein großes Kunststück, weil es grimmig um ihn herumblies, und der
Wasserstaub und der Regen flogen nur so daher. Ich setzte dreimal dazu
an,dasKapzurunden,abererstbeimdrittenMalkamichherum. Ich
war rechtnaß.–GesternnunregneteesnochvielmehrundderWind
wurdezueinemfortwährendenSturm,derauchnochheuteanhält, aber
er ist inzwischen schwächer geworden. Gestern früh war der Schnee
ganzweg,undheute liegt schonwieder ziemlichviel Schnee.Gestern
abends war ich bei Jula, die | im März ein Kind bekommt. – Waldi ist
dickund fettundsehrgutaufgelegt. –Esmachtmir jetztnichtganzden
Eindruck, als sollemeineBerlinerAngelegenheitnochvordemNeuen
Jahrerledigtwerdenkönnen.Nun, indiesemFalle fahre ichnachBerlin,
und wenn sie günstig erledigt wird, komme ich nach Wien zurück. Es
ist aber, wie gesagt, möglich, daß ich noch keinen verlängerten Urlaubs-
scheinbesitze,undbisderkommt,kannesnocheinpaarTagedauern, –
es sei denn sie kommen auf die Idee, mir ein Telegramm zu schicken,
welches die Verlängerung des Urlaubsscheins bestätigt, dann müßte ich
allerdings gleich fahren, wenn ich das Telegramm habe. Es wäre freilich
auchdenkbar,daßdieErledigungdesUrlaubsdochnochbis zumNeuen
Jahr stattfindenkönnte, ~das kommtmir aberunwahrscheinlich vor,
weil zu viele Feiertage dazwischenliegen, an denen die Leute nichts tun.
Imganzenaberbetrachte ichdieDingeandersalsnochvoreinigen
Tagen. Denn inzwischen hat ja der Führer den Oberbefehl übernommen,
wasauchaufdieFamilie Janningseinen tiefenEindruckgemachthat,
undwiralle sindunsdesSieges sicher.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik