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6.2 „DergeboreneVerleger“:MarkusStein,derGroßvater
vor allem Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler – ging im Haus
derElternausundein.37
Der„Ausgleich“von1867hattenichtnurdie„Doppelmonarchie“Österreich-
Ungarn geschaffen, sondern auch den Beginn der Emanzipation der
Judenmarkiert: Sieerhielten, zumindestde lege, diegleichenBürger-,
politischen und religiösen Rechte wie alle übrigen Bürger der Monar-
chie.38
Marsha Rozenblit hat die demografischen Folgen der jüdischen Land-
fluchtminutiösherausgearbeitet: „DieVerstädterungbildetdenspringen-
denPunktderdemographischenVeränderungder jüdischenBevölkerung
der Doppelmonarchie im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert.“39
1910lebtenbereits23,3%allerösterreichischenJudenindenzehngröß-
tenStädtenderMonarchie;1910 lebten13%allein inWien(1857, zu
Beginn der ersten Zuwanderungswelle, war es nur ein 1% gewesen).40
Ein großer Teil der Zuwanderer (Juden wie Nichtjuden) stammten
ausBöhmenundMähren(30%allerWienerund50%allerZuwande-
rer)41, ja 70% der Böhmen in Wien (einschließlich Juden) stammten
aus Südböhmen42, der Heimat Markus Steins. Die Beweggründe für
dieAbwanderungwarenvielfältig:Häufigwarenesderwirtschaftliche
Niedergang in den Herkunftsgebieten und antijüdische Boykottmaßnah-
mendesdortigenMittelstands43; fürböhmischeundmährischeJuden
trat die antideutsche (Juden wurden meist als prodeutsch eingestuft)
Stimmung des tschechischen Bürgertums hinzu, die etwa in Prag häufig
zuAusschreitungengegendie jüdischeBevölkerung führte.
DenmeistenneuenWienernwargemein,dasssiesichvonderAufgabe
ihresaltenLebenseinneues, besseres versprachen:
Wie auch alle übrigen Zuwanderer kamen Juden aus einer Vielzahl
positiver und negativer wirtschaftlicher, politischer und psycho-
37 Brezinka: ErwinStein, S.16f.
38 „Entscheidend für die Gleichberechtigung der Juden in Österreich war der Artikel 2 des
Staatsgrundgesetzes – es waren nur sieben Worte, um die Jahrzehnte lang gerungen
wordenwar: ‚Artikel2.VordemGesetze sindalleStaatsbürgergleich.‘“ (Staudacher:
Jüdisch-protestantischeKonvertiten inWien1782–1914.Teil2, S.62).Vondergehobenen
Bürokratie, vondenFührungsetagenderArmeeundvomdiplomatischenDienstblieben
sie freilichweiterhinausgeschlossen.
39 Rozenblit: Die JudenWiens1867–1914, S.23.
40 Ebd.
41 Ebd., S.26.
42 Ebd., S.33.EinViertel derWiener Judenheitwar inBöhmenundMährengeboren.
43 Ebd., S.39.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik