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6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
6.6 MariaCharlotteStein (verh.Sweceny)
6.6.1 EineKindheit inderWienerModerne
MariaCharlotteSophieNanetteFelicitasStein, gerufen „Lotte“,wurde
am6. Juni1904 inderelterlichenWohnung inWienXVIII., Sternwar-
testraĂźe46,geborenundam9.Oktober imevangelischenBekenntnis
H.B. getauft. Als Kind erlebte Lotte Stein den enormen Aufschwung
desVerlags,derReichshauptstadtWien, ja,derk.u.k.Monarchie,der
um die und nach der Jahrhundertwende nicht zuletzt aufgrund des
Patriotismus vieler jüdischer Bürger – konvertiert oder nicht – und ihrer
VerbundenheitmitderdeutschenKultur eine letzteBlĂĽtebeschertwar.
In der „Wiener Moderne“ zwischen 1890 und 1910 kulminierten die
„politischen, sozialenundkulturellenVeränderungen,die1848begon-
nen hatten und deren Ausläufer dann bis 1938 in Wien spürbar blieben
[...]“.215 NichtvonungefährumspannendiesebeidenJahreauchden
Zeitraum von der GrĂĽndung des Manz Verlags (1849 im Fahrwasser
der Revolution) bis hin zu seiner bislang schwersten Krise nach dem
„Anschluss“Österreichs.
Gleichzeitig hatte jedoch der Liberalismus seit den 1880er-Jahren
in seinerBedeutungabgenommen;mitdenSeparationstendenzender
Kronländer,denaufkeimendenNationalismenderMitgliederdeshabs-
burgischenVielvölkerstaatsunddensozialenProblemen,diederwirt-
schaftliche Aufschwung und die rasante Industrialisierung vor allem im
städtischen Raum mit sich brachten, gewannen radikalere politische
Strömungen an Bedeutung, etwa der Pangermanismus Georg von Schö-
nerers (1842–1921) oder der mit Antisemitismus durchsetzte christliche
SozialismusKarl Luegers (1844–1910).216
In Lotte Steins Kinderjahren ging nun also das „lange 19. Jahrhun-
dert“217 seinem Ende zu. Dem Verlag Manz ging es am Vorabend des
ErstenWeltkriegsallerdingsbesserdennje.SeineEigentĂĽmerverbanden
215 Jacques Le Rider: Das Ende der Illusion. Die Wiener Moderne und die Krisen der Identität.
Wien:Ă–sterreichischerBundesverlag1990,S.15.
216 Vgl. v.a. dasKapitel „EinneuerTon inderPolitik:EinösterreichischesTrio“ inSchorske:
Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de siècle, S.111–168. Brigitte Hamann hat die
EinflĂĽsse dieser beiden (und anderer) auf den erfolglosen Kunstmaler Adolf Hitler,
der sichzwischen1907und1913 inWienaufhielt, aufgezeigt (Hamann:HitlersWien.
Lehrjahre einesDiktators).
217 Von Eric Hobsbawm in seiner Trilogie The Age of Revolution: 1789–1848, The Age
of Capital: 1848–1875 und The Age of Empire 1875–1914 geprägter Begriff für die
Zeitspannevon1789bis1914.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik