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6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPortrÀts
dest vorerst â keine Ăbergriffe zu befĂŒrchten, die ĂŒber diejenigen auf
ihr Eigentum hinausgingen.249 Mit fortschreitendem Krieg und im Zuge
des NĂ€herrĂŒckens der âEndlösungâ lebten jedoch âMischlinge in der
stÀndigenGefahr, etwasUnpassendeszu tunoder zu sagen.EinMisch-
ling 1. Grades muĂte stets darauf achten, daĂ nicht eine ĂŒbereifrige
Parteistelle von ihm meldenkonnte, erbenehme sichwie ein âVolljudeâ.
Ein solcher Vorwurf konnte ihn das Leben kosten.â250 â Vielleicht ist
Lotte Swecenys fehlende âoffizielleâ BerufstĂ€tigkeit auch vor diesem
Hintergrund zu sehen.251 Als âPrivateâ â die freilich in den Jahren ihrer
Beziehung zu Alexander Lernet-Holenia de facto den Status einer Pri-
vatsekretĂ€rin hatte â stand sie weniger im Zentrum der behördlichen
Aufmerksamkeit.252
Aufschlussreich fĂŒrLotteSwecenysSelbstverstĂ€ndnis indiesenJah-
ren ist ein Briefkonzept an unbekannt, das wohl auf die Zeit um den
âAnschlussâherumdatiertwerdenkann:
IchmöchtedieBeziehungdiezwischenunsbesteht lösen.AnlaĂda-
zu ist im Moment die pol[itische]. Lage, die Schwierigkeiten in Dir,
und die sind mir wichtig, bringen können, denen Du nicht gewach-
senbist. IchmöchteDirumDirkein falschesBildzuhinterlassen
abernocheinmalmeinenStandpunktdessenichmichnichtzuschÀ-
men brauche klar zu [sic!] machen. Ich verfalle nicht in den Fehler
imN[ational].S[ozialimus].nurdenAntisemit[ismus]. zu sehen.
Er ist vielwesentlichereinGlaubeanein Idealdas ichnicht teile,
und von dem ich fĂŒr die Menschheit nichts gutes erwarte. [...] Ein
ehrlicher Glaube ist aber schon an sich erfreulich wenn ich auch
alsKonsequenzdiesesnurGewaltundUnglĂŒck sehenkann. [...]
Ich erklĂ€re feierlich ich bin keine JĂŒdin u. fĂŒhle mich auch nicht so.
249 Gleichwohl forderten Parteikreise seit Ende 1941, âMischlinge 1. Gradesâ mit Juden
gleichzusetzenundalsoder âEndlösungâzuzufĂŒhrenbzw. sie zwangszusterilisieren(vgl.
Hilberg: Die Vernichtungder europĂ€ischen Juden, S.437ff.). â[...] alsTrĂ€ger âjĂŒdischen
Blutesâ und jĂŒdischerMerkmale inmittenderdeutschenVolksgemeinschaftwarensie
der lebendigeBeweis einerunvollendetenAufgabe.MitdieserArtderDurchdringung
desdeutschenVolkskörperswurdediedeutscheBĂŒrokratienicht fertig;dieMischlinge
ĂŒberlebtenâ (ebd., S.445).
250 Ebd., S.445.
251 Auf ihrem âKleinen Abstammungsnachweisâ gibt sie 1939 als Beruf âHaushaltâ an
(NSDAP Gau Wien: âKleinerâ Abstammungsnachweis Sveceny [sic!] Maria Charlotte,
Zahl71701[BesitzBarbaraNetscher,Ronneburg].Wien.3.Nov.1939).
252 Seit1934scheintLotteSweceny inLehmannâsAllgemeinerWohnungs-Anzeiger nament-
lich ĂŒberhaupt nicht auf; in den Jahren davor war sie bei ihrem Mann Otto C. Sweceny
mitgemeldet gewesen. Im Nachfolge-Werk, dem Adressbuch von Wien, ist sie nach dem
ZweitenWeltkriegwiederunterderAdresseHerrengasse6â8verzeichnet.
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik