Page - 392 - in Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny - Briefe 1938-1945
Image of the Page - 392 -
Text of the Page - 392 -
6 MariaCharlotteSweceny:VersucheinesPorträts
gelangten sie durch die Würdigung in Milan Dubrovic’ Buch Veruntreute
Geschichte:
DasHauswurdewährenddernationalsozialistischenÄrazumRe-
fugium eines oppositionell gesinnten Freundeskreises, der sich um
diekĂĽnstlerischund literarisch interessierteHausfrauscharte. [...]
Zu den engsten Freunden des Hauses in Hochrotherd zählte als
stärkstePersönlichkeitderDichterAlexanderLernet-Holenia, ferner
der schon in den ersten Tagen des nationalsozialistischen Regimes
abgesetzteDirektorderStaatlichenKunstgewerbeschuleMaxFeller-
er mit seiner Frau, der BĂĽhnenbildnerin Erni Kniepert, sein Bruder,
der Rechtsanwalt Dr. Josef Fellerer, ehemals Syndikus der Creditan-
stalt, der schriftstellerndeArztDr.AlexanderHartwichmit seiner
Frau Trude, die eine entfernte Verwandte des deutschen Staatsprä-
sidenten Hindenburg war, dann die der Frankfurter Gelehrten- und
Industriellenfamilie Euler entstammende Jaspers-SchĂĽlerin Bobby
Löcker,verheiratetmiteinemDirektorderWienerCreditanstalt,der
Kulturkritiker Zeno von Liebl und Dr. Egon Seefehlner, später Chef-
redakteurdererstennachdemKriegerschienenenösterreichischen
Zeitschrift „DerTurm“[...].271
Laut Markus Stein, dem Neffen Lotte Swecenys, handelte es sich da-
bei weniger um einen Widerstands-Zirkel – als den etwa Rocˇek ihn
schildert272 –alsumeinen„Schmelztiegel vonsehrunterschiedlichen
Persönlichkeiten“273, die freilich weltanschaulich durch ihre Abneigung
gegen die neuen Machthaber geeint wurden. Der Architekt Max Fellerer,
der in den Briefen Lernets an Lotte Sweceny mehrmals erwähnt wird,
wurde von den Nationalsozialisten aus seiner Position des Direktors
der Kunstgewerbeschule gedrängt (siehe oben), Hans A. Vetter, eben-
falls Architekt, floh 1938 mit seiner jĂĽdischen Frau Jadwiga Orsul nach
London.274 DerKriminalbeamteAlexander Inngraf („Blümerl“)wiede-
rumsetzte ExistenzundLeben aufsSpiel, indemer jĂĽdische MitbĂĽrger
271 Dubrovic: VeruntreuteGeschichte, S.262ff.
272 „Es war eine dieser in Österreich gar nicht so seltenen Urzellen des Widerstands gegen
Hitler, aus denen sich nach 1945 die Kräfte für den materiellen wie kulturellen Wieder-
aufbau rekrutieren werden“ (Roman Rocˇek: Glanz und Elend des P.E.N. Biographie eines
literarischenClubs.Wien–Köln–Weimar:Böhlau2000,S.241).
273 Markus F. Stein: Persönliche Mitteilung an den Verfasser (Tonbandprotokoll). Wien.
16. Juli 2009.
274 Vgl. S.257, Anm. zu mit Hans. Vetter taucht zwar in Dubrovic’ Aufzählung nicht auf,
gehörte aber zweifellos bis zu seiner Emigration zu jener Gruppe. In einem undatierten
Brief an Dubrovic aus Pittsburgh, wo er sich seit 1948 aufhielt, umreiĂźt Vetter in seinen
Grüßen genau jenen Personenkreis: „Hochgeehrtes Arschloch, [...] grüße alle sehr sehr
392
Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik