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Valentin Rauer
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automatisches Kollisionsverhütungssystem.7 Solche auf sensorgesteuerten
interaktiven Steuerungsalgorithmen beruhenden Systeme etablieren im Be-
gegnungsfalle interaktive Kommunikationsrelationen, die dazu führen, dass
die Steuerung jeweils in der Nähe fliegender Objekte interaktiv und automa-
tisch aufeinander abgestimmt wird, um Kollisionen zu vermeiden. Wenn ein
Fluggerät nicht über eine solche autonome Interaktionsfähigkeit verfügt, stellt
es ein Sicherheitsrisiko für die gesamte Luftverkehrsordnung dar. Das Fehlen
eines solchen sensorisch gesteuerten autonomen Interaktionssystems erwies
sich während des Fluges als problematisch, weil zeitweise der Funkkontakt zu
dem fernsteuernden Piloten abbrach. Das Flugobjekt wurde in diesen Momen-
ten zu einem blind fliegenden Sicherheitsrisiko für das Fluggebiet.
Da ein Einbau solcher Systeme wohl mehrere Jahre benötigen würde und
aufgrund anderer Fehlkalkulationen, beendete das Verteidigungsministerium
das Projekt. Je nach Schätzungen betrug der Verlust zwischen 0.5 und 1.5 Mrd.
EUR.8 Im Nachgang wurde ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss
eingerichtet. Der Ausschuss prüft das Projekt zur »[…] unter vertraglichen,
rechtlichen, haushälterischen, militärischen, technologischen und politischen
Gesichtspunkten«.9 Der Ausschuss untersuchte vielfältige Probleme u.a. die
Rolle der NSA bei spezifischen Bauteilen, die Problematik der verwaltungs-
technischen Defizite und einer fehlenden »Verantwortungskultur«10. Die al-
gorithmische Problematik wurde beispielsweise von einem Experten explizit
erläutert: »›Euro Hawk‹ startet in einem für den übrigen Flugverkehr gesperr-
ten Luftraum. […] Für die Landung werde das gleiche Prozedere angewandt
[…]. Für die uneingeschränkte Zulassung einer unbemannten Drohne für
den gesamten Luftverkehr werde hingegen ein automatisches Antikollisions-
system benötigt.«11 Dieses Statement könnte als eine einfache Expertenmei-
nung zur fehlenden Ausrüstung gewertet werden, sie weist aber auch darüber
hinaus. Die Tatsache, dass überhaupt darüber debattiert werden muss, zeigt,
wie sich aufgrund algorithmischer Interaktionstechnologien das Verständnis
7 | Diese Systeme sind in den USA, Kanada und der EU eingeschränkt vorgeschrieben:
www.defensenews.com/story/defense/air-space/isr/2015/01/16/germany-euro-
hawk-uas-/21799109/ (zuletzt aufgerufen am 16.01.2015).
8 | www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/46097693_kw30_ua_euro-
hawk_anhoerung/213238 (zuletzt aufgerufen am 24.11.2015).
9 | https://www.bundestag.de/blob/194568/9d86fc9080a1bd508973e161679b
50d4/der_verteidigungsausschuss_als_untersuchungsausschuss-data.pdf (zuletzt
aufgerufen am 12.01.2016).
10 | www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/46097693_kw30_ua_euro-
hawk_anhoerung/213238, (zuletzt aufgerufen am 24.11.2015).
11 | www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2013/46097693_kw30_ua_euro-
hawk_anhoerung/213238 (zuletzt aufgerufen am 24.11.2015).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik