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Oliver
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medien und die figur des Piraten
Sogenannte Medienpiraterie ist kein temporäres, sondern ein dauerhaftes
Phänomen, und es ist weder neu, noch eine Anomalie kapitalistischer Unter-
nehmungen. Lediglich durch den Übergang von Gutenbergs zu Turings Me-
dienregime, sprich von Druckerzeugnissen zu digitalen Formaten, wurde
das Thema in den letzten Dekaden prominent und umstritten diskutiert.
Das alltägliche, massenhafte, halb- oder vollautomatische Kopieren und Ver-
teilen von Software, Büchern, Musik und Filmen, on- und offline, hat enor-
men Druck auf die Copyright-Regime ausgeübt, die noch aus analogen Zei-
ten stammen, und somit aus einer teils vergangenen Phase kapitalistischer
Akkumulation. Deren Konsolidierung und Institutionalisierung – in ihrer
emblematischsten und zugleich symptomatischsten Form in der Gründung
der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) im Jahre 1970 – verläuft
parallel zu zwei historisch herausragenden Phasen: zum offiziellen Ende
der Kolonialzeit als politisches Regime, was zur Entstehung diverser neuer
Nationalstaaten geführt hat, die begannen ihre eigene Agenda zu verfolgen,
sowie zur vernetzten Vereinheitlichung von Märkten zu einem ›Weltmarkt‹,
der von der USA, Westeuropa und Japan formiert und geführt wird. Hegemo-
nieansprüche und -durchsetzungen im Bereich des sogenannten ›geistigen
Eigentums‹ sind seitdem zu Machtformation geronnen, die die ›entwickel-
ten‹ Staaten anderen aufzwingen.
Noch im 19. Jahrhundert jedoch waren die Verhältnisse anderes verteilt,
da damals die USA mit der industriellen Entwicklung in Europa noch nicht
gleichgezogen hatten. Um diese Ziel zu erreichen, war es eine gewöhnliche
Praxis der US-amerikanischen Industrie, europäische Patente und andere
Copyright-Ansprüche zu kopieren, und damit zu verletzen (Ben-Atar 2004).
Heute sind es vor allem die USA, die versuchen sich gegen Staaten zu schüt-
zen, die ihrerseits mit solchen Verletzungen arbeiten, um ihre Industrie auf
Weltstandard zu bringen, z.B. China oder Indien. Dies zeigt, wie natürlich
der Prozess der Piraterie historisch in den kapitalistischen Entwicklungen zu
sehen ist, da jede »Analyse von Piraterie die Grenzlinien und (Il)legitimitäten
eines bestimmten Machtregimes anzeigt« (Zehle and Rossiter 2014: 345).
Die fortbestehende Dringlichkeit, Lösungen zu finden, die den Zugang
zu Information und Wissen regeln, drückt sich durch die vielen sehr lebendi-
gen Debatten zu den Gemeingütern (Commons) aus (Linebaugh 2013), sowie
der wachsenden Zahl alternativer Copyright Regime, wie die Creative Com-
mons (Lessig 2002), oder die viralen Software Lizenzen, wie z.B. die GNU-
Lizenzen. Es geht dabei weiterhin darum, eine Balance zu finden zwischen
dem Recht auf Zugang zu Information und Wissen, und den Interessen der
inzwischen nicht mehr allmächtigen Urheberrechtsverwaltungen, wie der
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik