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6Â Â Â VonderKulturalisierungzurTemporalisierung 215
unddas. IchbinsoeinKindderKreisky-Ära, ichhab’michjagenauausdem
befreit, auchmit diesemkollektivenTraumvonderChancengleichheit fĂĽr
alle.Undmitdem,dassichvomLanddannindieStadtgezogenbin.Weilich
kannmichanvieles,das ich jetztbei tĂĽrkischenFamilien sehe, ausmeiner
eigenenKindheiterinnern.« (I1f)
IndieserPassageeröffnetzunächstdieVerschiebungdesThemas–von»Re-
ligion«zu»patriarchaleStrukturen«–dieMöglichkeiteinerantirassistischen
Positionierung, die rassistische Veranderung durch die Betonung geteilter
Unterdrückungserfahrungen–unddamitmöglicher gemeinsamerEmanzi-
pationsbestrebungen–unterläuft.DochdieseMöglichkeitwirdnichtaufge-
griffen.StattdessenreproduziertdieSprecherindiereferentielle,prädikatio-
nelle,argumentativeundperspektivierendeTeilung in ›wir‹und ›sie‹, indem
siemuslimische und nicht-muslimische Frauen als ungleichzeitige Subjek-
tekonstruiert.Die temporalisierendenMarker sindhier sehrdeutlich sicht-
bar.Die ›Kreisky-Ära‹ steht nicht nur für den 1970 bis 1983 regierenden so-
zialdemokratischenBundeskanzler BrunoKreisky, sondern fĂĽr einenhisto-
rischenProzessderEmanzipationundBefreiung:Der»kollektiveTraumvon
derChancengleichheitfüralle«.DieargumentativeStrukturwirdineinebio-
grafischeErzählungeingebunden, indergesellschaftlicheReformenmit in-
dividueller Befreiung zusammenfallen.Nochdeutlicher als zuvorwirdhier,
dassdieGegenwartdermuslimischenAnderen inder eigenenVergangenheit
verortet wird.Wenn die Journalistin ĂĽber die Lebenssituationenmuslimi-
scherFrauensagt:»Ichkenn’dastotalgenau«,meintsiedamitnichtpersönli-
cheErfahrungenmitMuslimInneninihremFreundes-oderBekanntenkreis.
Wassietotalgenaukenntist ihreeigeneVergangenheit:AmösterreichischenLand
inden1970erJahrenaufzuwachsen,indieStadtzuziehenundsichauseiner
als repressiv erlebtenKultur zu befreien. Sie geht davon aus, dass inmus-
limischenFamiliendieseVergangenheit,die als ihrepersönliche ebensowie
als jenederösterreichischenGesellschaftpräsentiertwird,alsGegenwartge-
lebtwird.DieFigurdes/dermuslimischenAnderenisthierabermalsgekenn-
zeichnetdurchdieBehauptungderUngleichzeitigkeit.AlshistorischeSchei-
delinie,die›uns‹von›ihnen‹trennt,dientdieReformäranach1968,diealser-
folgreichabgeschlossenerKampfumEmanzipationerzähltwird: »Ichbinso
einKindderKreisky-Ära, ichhab’mich jagenauausdembefreit«.Was ›wir‹
bereits hinter uns gebracht haben, steht den ›Anderen‹ noch bevor.Die Fi-
gurdes/dermuslimischenAnderenwirddadurchals ›Subjektdesnoch-nicht‹
konstituiert.
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Ă–sterreich
- Title
- Im Namen der Emanzipation
- Subtitle
- Antimuslimischer Rassismus in Ă–sterreich
- Author
- Benjamin Opratko
- Publisher
- transcript Verlag
- Location
- Bielefeld
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 366
- Keywords
- Rassismus, Ă–sterreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Categories
- Weiteres Belletristik