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»Akustischer Kehraus einiger Nachmittage« –
»Von Goethe abwärts«
Beiger Pappband, 15 mal 10,5 Zentimeter, 1 Zentimeter stark, schlich-
ter typographischer Titel, auf Deckel und Rücken geprägt, schwarzer
Kopfschnitt, 54 paginierte Seiten unbeschnittenen italienischen BĂĽt-
tenpapiers und darauf 169 – ja was eigentlich? – Gedankensplitter?
Sprachbilder? Denkmuster?
Jedenfalls keine Aphorismen! – »Aussprüche« vielmehr, wie sich
Anton Kuh in der sechsseitigen Einleitung zu dem in eintausend nume-
rierten Exemplaren bei E. P. Tal im Herbst 1922 aufgelegten Bändchen
»Von Goethe abwärts« ausbedingt. Er sei keine Skriblernatur, sondern
»funktioniere sprecherisch«, das Bändchen sei somit »akustischer Kehr-
aus einiger Nachmittage«, die einzelnen Aussprüche »Endglieder un-
geschriebener Gedankenketten«, programmatisch glanz- und pointenlos.
Aus seiner »grundsätzliche[n] Abneigung gegen Aphorismen«, diese
verschwitzt auf Glanz gebosselten schwindelhaften »Tiefsinnigkeiten«,
macht er keinen Hehl. Seine gänzlich »unaphoristischen«, ungeschliffe-
nen Aussprüche betrachte der geneigte Leser »als Anfangs-, End- oder
Mittelsätze von Essays«, die sich der »jahrelangen, konsequenten Faul-
heit ihres Autors, Bücher zu schreiben«, verdanken. Zusammengelesen
verdichteten sich diese »ungeduldige[n] Abbreviaturen« zu einer »re-
volutionären, das heißt antiliterarischen Literaturauffassung«, Kontra-
faktur zur von ihnen skizzierten »Physiognomik der [zeitgenössischen]
Kultur«.
»Nur jene Aphorismen sind wichtig, die ein Gesicht, nicht jene, die
ein Tonfall miteinander verbindet«,1 formuliert Kuh, als paraphrasierte
er eine Reflexion Hérault de Séchelles’, der zufolge die wahren Bonmots
»eher dem Charakter als dem Geist« entspringen.2 Sein Widerwille gegen
den Flitterkram – entweder der Aphorismus hinkt gedanklich, oder er
hatscht sprachlich, allzu oft schafft er angestrengt beides –, der, dreht
und wendet man ihn, seinen Glanz rasch verliert, schuldet sich nicht
zuletzt dessen Blutleere. Er sei ein »Papierprodukt«, das »dem antitheti-
schen Rauschen im Gehör« nachgebe und »sich immer in der Dimension
des Papieres sowie aus sich selber« fortzeugeÂ
– wem die Spitze nament-
lich gilt, ist unschwer aus folgender Formulierung zu ersehenÂ
–, »Lieb-
lingswaffe der Notwehr in den Händen aller Kräusler und Boßler, die
sich der anstürmenden Wahrheit über sich selbst erwehren«.3
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien