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Einige Breitseiten sollten noch folgen, etwa: »Karl Kraus: ein leuch-
tender Saphir an Nietzsches Krone« – mit der Erläuterung: »Moritz
Gottlieb Saphir, geboren 1795 zu Budapest, gestorben 1858 zu Wien,
Subjekt des berühmten Satzes: ›… hat gepflegt zu sagen.‹« Die Fallhöhe
ergibt sich aus Kraus’ Wertung: »Die Beliebtheit Saphirs kannte keine
Grenze. Er legte dem Publikum keine Gedanken in den Weg und störte
es durch keine Gesinnung. Seine Einfälle waren ein Aufstoßen, seine
Poesie war Schnackerl.«4
Wenn Kuh seinen Blick über den Literatur-Tisch schweifen läßt
– »Ich teile die Literatur ein in Tisch und Nebentisch. Am Tisch wird
erlebt, was der Nebentisch, sich aneignend, desavouiert« –, entgeht
niemand seinen Bon- oder vielmehr Malmots. Mit überlegenem Spott
bedenkt er alle, die sich am Nebentisch eingefunden haben: »Anton
Wildgans oder: der Mittelstandswedekind«; »Hans Müller: der zum
Kotzebue. Er ist der meisterhafteste Dramatisierer vorgestellter In-
haltsangaben«; »Herbert Eulenberg: Kleists Kleister«; »Theodor Däub-
ler: ein etwas korpulenter Astralleib«; »Felix Dahn: Romanvater Jahn«;
»Dr. Karl Schönherr: ordiniert täglich von 2-3«.
Spitzzüngig und boshaft kommentiert er, was Rang und Namen hat
in der République des lettres: »Gerhart Hauptmann oder: der Gewerk-
schaftsolympier«; »Arthur Schnitzler oder: post coitum omne animal
est typisch wienerisch-graziös«; »Stefan Zweig verkehrt mit sich aus-
schließlich durch einen französischen Dolmetsch. Er könnte sich bei
näherer Intimität zu einem Innenleben hinreißen lassen«; »[Hugo von
Hofmannsthal]: der Meister der Lektüre-Wiedergabe. So tief er in seine
Seele hinablangt, er findet nur Stoffe der Weltliteratur. Er ist von ihr so
gründlich bearbeitet, daß er erst zu sich kommt, wenn er sie bearbei-
tet«; »Alfred Polgar: ein Mausoleum der Nuancen«; »[Siegfried Jacob-
sohn]: der Praktikant auf Lessings Bücherleiter«; »Shaws geistiger Me-
chanismus: Ihr glaubt, zwei mal zwei sei vier? Falsch! Es ist vier. Seine
Technik: die melodramatische Rückentwicklung vom Gemeinplatz zum
Paradox«; »Ibsen: ein Mittel, im dämmerdunkeln, geheimnisrascheln-
den Zimmer bedeutsam zu rülpsen«; »Strind
berg: die Standard-Beruhi-
gung der Unerotischen. Sie glauben, seitdem es ihn gibt, im Bett lümmeln
sei faustisch«.
Auch die Porträt-Komprimate, die er jenen widmet, die er am Tisch
Platz nehmen läßt, sind bisweilen freche Invektiven: »Stendhal: der
Herrenreiter der Schriftstellerei«; »[Peter Altenberg]: ein Afrikaforscher
der Alltäglichkeit«; »Franz Blei: der Enzyklopädist der Randbemer-
kung«; »Robert Müller: ein in Amerika diplomierter Denkingenieur.
(Anders: ein Goalkeeper der Abstraktion.); »Franz Werfel oder: das
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien