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Die »Reichspost« bekundet gleich rundheraus, daß ihr Kuhs »Laune
und Launen« ungenießbar sind. Sie gibt ihm indessen darin recht, daß
gute Aphorismen »stets Hauptgedanken ungeschriebener Essays [seien],
die aber auch ungeschrieben bleiben müssen, weil ihr Gedankengang
sich eben in einem Satz sagen läßt«
– allerdings nur, um den Kuhschen
hämisch Gedankenlosigkeit zu attestieren: »Die Abhandlungen, die
sich Kuh über seine Aussprüche zu bauen vorbehält, werden sich daher
nicht machen lassen.«12 Diese Unterstellung wischt Kuh
– ob zeitlicher
Zufall oder ein Jux, den er sich erlaubt – prompt vom Tisch: Eine
Woche nach der mißlaunigen Besprechung veröffentlicht er den »Er-
klärungsessay« zu dem »dunklen Ausspruch« »Impressionen sind Glei-
chungen mit n Gliedern, von denen n
– 1 gegeben sind« in der »Wiener
Sonn- und Montags-Zeitung«, die als »Judenblattl« immer im Visier
des »Unabhängigen Tagblatts für das christliche Volk« steht.13
Der Deutschvölkische Richard Euringer im Wortlaut: »Eine glän-
zende Einleitung, dann noch etliches. ›Ungeduldige Abbreviaturen eines
gemeinsam-tieferen Sinnes, Knöpfe im Sacktuch‹ eines Literaten aus
Ekel an Literatur. Übrigens: Goethe mag sich doch ein bißchen lang-
weilen in solch bedrohlicher Nachbarschaft mit Eugen Dühring, Jakob
Hegner, Albert Ehrenstein, Rudolf Borchardt, dem Aphoristiker G.,
Otto Weininger, Wedekind, Wilde, Rudolf Pannwitz und Magnus
Hirschfeld. Man könnte vom Sturm im Wasserglas sprechen, handelte
es sich nicht eher um Flaute im Sodawasserglas eines Wiener Cafés.
Nicht als ob ich das Ergreifende eines Bekenntnisses ›Die wenigsten
wissen, daß auch das Nichtschreiben die Frucht langer und mühseliger
Arbeit ist‹ nicht wie einen Händedruck mitfühlte, aber gerade weil eine
Welt (und eine Welt der Qual!) sich verbirgt hinter diesem Katzenjam-
mertal zwischen Strind- und Peter Altenberg, wünscht man dem Autor
die Kraft von … Spengler aufwärts! / In großen Zusammenhängen ist
das Büchlein nicht unnotwendig als Dokument, Symptom. Ein neues
Plus auf der Liste des Verlags.«14 – Weniger verblümt und knapper
gefaßt: Jüdische Geschäftemacherei!
Daß es mitunter eine haarige Angelegenheit ist, gute Sentenzen von
schlechten zu scheiden, sollte Kuh am eigenen Leib erfahren. Er läßt sich
in einer »Selbstanzeige« seiner »Essays in Aussprüchen« noch einmal
über die phonetische Fliegenfängerei und die Antithesenkunstgewerbler
aus, »deren Hirn aus der Sprach- und Wortumhäutung nie zum Anblick
des Wirklichen sich entschält«, »die da glauben, was sie aus dem Worte
zeugen, sei das Blut der Welt«. Kennzeichen des schlechten Aphorismus
seien: »Wortgeborenheit, Kleinheit des Welthintergrunds, […] Glanz-
und Opalisierungsprofil aus der x-fach gebrochenen Intelligenz. Man
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien