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geplündert, jüdische Passanten schwer mißhandelt – und bei denen
die Schutzpolizei den Mob vielerorts gewähren läßt;29 den Hitler-
Ludendorff-Putschversuch am 8. und 9. November 1923; den Mord am
Volksschullehrer Walter Kadow, der am 31. Mai 1923 in Parchim,
Mecklenburg, von Mitgliedern des Freikorps Roßbach – darunter Ru-
dolf Höß und Martin Bormann – bestialisch mißhandelt und dann er-
schossen wird. Die rechtsextremen Mörder verdächtigen ihn, den ehe-
maligen Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter an die französischen
Ruhrbesatzer verraten und damit dessen Verurteilung wegen Spionage
und Sabotage und Hinrichtung verschuldet zu haben. Kuh benennt aus
diesem Anlaß die »besondere Spezialität« Deutschlands: den »Tritt mit
dem Stiefelabsatz ins Gesicht. […] Dergestalt nämlich, daß der Fuß
Potsdam darstellt, also alles Marschierfreudige, Militärische, Zucht-
automatische, Subalterne, und das Gesicht Weimar, d. h. alles, was
Hirn und Menschentum bedeutet.«30 Und im Dezember 1924 expliziert
er anläßlich des Prozesses gegen Fritz HaarmannÂ
– Friedrich Heinrich
Karl (»Fritz«) Haarmann steht unter der Anklage, im Zeitraum 1918
bis 1924 siebenundzwanzig Buben und junge Männer im Alter von zehn
bis zweiundzwanzig Jahren ermordet zu haben, von 4. bis 19. Dezember
1924 vor einem Schwurgericht in Hannover – seine Thesen über den
Zusammenhang zwischen der Erziehung zu teutscher Zucht und Sitte
und der »Doppelblüte von Sadismus und Masochismus« und der im
deutschnationalen Milieu weitverbreiteten Homosexualität.31
Die Schlußfeier des Allgemeinen österreichischen Katholikentags am
Sonntag, 1. Juli 1923 – die Wiener Bezirks- und die einzelnen Bundes-
ländern-Gruppen, die mittags fahnenbewehrt und »unter klingendem
Spiel« zu ihren Aufstellungsplätzen entlang der Ringstraße anmarschie-
ren, formieren sich zu zwei FestzĂĽgen, die sich um 13.30 Uhr in Be-
wegung setzen zur Schlußfeier auf dem Heldenplatz –, nährt Kuhs
Pessimismus: Aus der imperialen Metropole »Wien an der Donau« droht
der provinzielle Pferch »Wien am Gebirge« zu werden. »Die Gesinnun-
gen sind kernhafter, spröder, kleinhorizontiger geworden; die Welt-
freude des nationalen Mischlings weicht jener Dusterknorrigkeit, fĂĽr
die die Nase des Tirolers ein so scharfes Abbild ist. Die Umgangsart ist
gereizter wie bei kleinstädtisch zu ewigem Unter-sich-Sein Verdamm-
ten. […] Die Politik trägt Berg- und Almluft herein, holzigen Scheunen-
hauch. Was in Stammbeiseln krakeelt und in Extrazimmern rumort oder
kniehosig und wickelgamaschig Marschtakte aufs Pflaster schlägt, was
sich da schwarze Lappen ums Haupt wickelt, Baumstämme als Spazier-
stöcke trägt und vor jedem guten Gewand oder schönem Gefährte das
Gesicht in Falten ziehtÂ
– das ist der Geist von Schladming, Unterhollers-
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien