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Auch wenn es Kuh allzu billig sein mag, den Kulissenzauber
– »eigen-
tümliche Tradition der Unnatur mit allen Fatzkereien, Gemüts-Reißern,
pathetischen Blähungen und Stelzschritt-Affekten«8 – als faulen Zauber
zu enthüllen, ist er doch immer wieder verwundert darüber, wie wichtig
man in Wien selbst – und gerade – in Zeiten größter Not die rituell
aufgesuchte Scheinwelt der Bühne nimmt. Was ihn nicht daran hindert,
zehn Jahre hindurch, von 1916 bis 1926, dieses intrikate System von
bildungsbürgerlichen Verabredungen, robusten Konventionen und ver-
stocktem Einverständnis aller Beteiligten mit der Illusion obstinat kri-
tisch zu begleiten.
Gegen den »[guten] ehrlichen, prächtigen Theaterirrsinn« hat Kuh
nicht das geringste einzuwenden, im Gegenteil, nach dem »einstmaligen
Schmierengrößenwahn«9 sehnt er sich geradezu, wenn er an den so-
genannten matten Abenden »seelisches Sodbrennen bekommt und als
armer Sünder weggeht«10. Was ihm indessen den Theaterbesuch mehr
und mehr verleidet, ist der Typus des »Gewerkschaftsmimen, des Man-
nes, der Schauspieler wurde, wie man Postkontrollor, Mistbauer oder
Posamentierer wird«11, wie Kuh 1922 wettert, als die Schauspieler des
Deutschen Volkstheaters sich weigern, Wedekinds »Sonnenspektrum«
zu spielen, mit der Begründung, es sei ihnen »zu unmoralisch«. Das
»›hitzige Völkchen‹« sei längst ein »seriöses Volk« geworden, hatte Kuh
im Mai 1917 schon festgestellt: »Es will zwischen 7 und 10 Uhr abends
Kunst absolvieren, leitet sich davon alle Privilege ab und möchte in der
übrigen Zeit im Vollglanz jener Ehre dastehen, die der steuerzahlende,
gut beleumundete, kindererziehende, kartenspielende, gesinnungstra-
gende, familiensinnige, seßhafte Normalmensch genießt.« Kunst als
»irregeleitetes Konzipienten-, Offizianten- und Diurnistentum«, der
Mime mit »Innungsbewußtsein, Morrral
– man muß das Wort, das wie
ein phonetisches Pfauenrad aus der Kehle steigt, bloß in einem modernen
Stück gehört haben, um seine Interpreten zu kennen –, nationale[r]
Gesinnung und ein[em] Geschlechtsleben, das sich seiner Verrufenheit
nur noch als romantischen Schimmers bedient und mit konventioneller
Kälte frivol gebärdet. Das ist ja das Ärgste an diesem brav gewordenen
Theater: es steckt nichts mehr dahinter. Das Gspusi des Herrn Zappel-
huber mit Fräulein Strampelmeier und der sogenannte leichte Ton
– sie
gehören zum Mechanismus. Zieht sie ab und ihr seht in einen Zwinger
grollenden, schnaubenden, quietschenden, kratzenden Brotneids, in ein
Krankenhaus vergifteter Eitelkeiten.«12
Was Kuh an den »im Nebenberuf schauspielernden Bühnenvereins-
mitgliedern« sauer aufstößt, bringt ihn bei Stücken »über« so richtig in
Fahrt: »Dies Wörtchen ›über‹ trennt ozeanweit die Schöpferischen von
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien