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Bei Arthur Schnitzler ist »immer alles mollert wie die Wiener Weiber:
Dialog, Witz, Handlung, Weltbild«. Es fehlen ihm – und darin liegt
seine »Blutsverwandtschaft mit dem Wiener Feuilleton« – »Unmittel-
barkeit, Schärfe, Elementargeist«. Seine Journalisten-Satire »Fink und
Fliederbusch«: »Ein Possengedanke, der Schnitzlerisches Fett ansetzt
und sich lokalüppig auswächst halb zu Bernard Shaw und halb zu
Franz Lehár.«28 Sein Schauspiel »Freiwild«: »Der Jahrgang 1900 der
›Neuen Freien Presse‹ kann nicht vergilbter sein als dieses mit ihm
identische Stück.«29 Der umkämpfte »Reigen« hinterläßt bei Kuh – im
Gegensatz zu seinen Kritikerkollegen, die das Werk als »graziös«, »tän-
delnd«, »leicht getupft« und »holdselig« bezeichnen
– »nicht eine Spur
an Parfum, aber dafür eine ganze Dosis von Desinfektionsgeruch in der
Nase. / […] Aber wo es im ›Reigen‹ zu düfteln und schweben beginnt,
wo die Mondscheinsonate durch das Zimmer gaukelt
– dort beginnt die
Sauerei.« Mit dem Nachsatz: »Halten zu Gnaden! – Das war gegen
Schnitzler und nicht für die Zensur gesagt.«30 Kuh gesteht Schnitzler in
seiner Premierenbesprechung der »Komödie der Verführung«, »dieser
wienerischen Tragigroteske der Erlebnisangst«, durchaus zu, die Salon-
atmosphäre Wiens von anno 1914, »diese zugleich bedrückend-schwüle
und orchideenfarbige Sumpfwelt der verschwommenen Beziehungen
und butterweichen Schicksale, wo die große Generalangst vor dem Er-
lebnis tausend komplizierte Scheinerlebnisse schafft«, meisterlich ein-
gefangen zu haben, stößt sich aber daran, daß er seinen »Geschöpfen
kritiklos gegenübersteht«31, und läßt sich drei Tage nach der Premieren-
besprechung als Reaktion auf die von Arnolt Bronnen und Bert Brecht
inszenierten Störaktionen während der Berliner Aufführung zu dem
vergifteten Lob herbei, »daß nur ein Dichter uns so spannend langweilen
kann wie Arthur Schnitzler in seiner ›Komödie der Verführung‹«.32
Kuhs Einwand gegen Schnitzler: »daß er eine Welt in Spiritus gesetzt hat,
die keinen hat«, die Welt der »tramhaperten, jüdisch-wienerischen
Molluskenwelt von 1900«, was ihm immerhin »kulturchronistischen
Rang auf Kosten dauernder Unterhaltsamkeit« sichert. »Diese bronze-
teintigen, melancholisch angesäuselten Tennis-Buben aus kommerzialrät-
lichem Geblüte, die da in der Figur des ›Anatol‹ verewigt sind – wer
kann sie, ihr Idiom (worin aristokratisches Spülwaser die mosaische
Kehle glättet), ihre Erotik (worin die Begriffe Schubert und Maupassant
ein schmieriges Tête-à-têtscherl miteinander eingehen) noch vertragen?
Was sie anno Anatol erlebt haben, das wird heut in Adolf Bretts Pavil-
lon33 sehr leicht abreagiert!«34
»Sudermann als Tiefstapler«: Diese seine Definition Georg Kaisers
zieht Kuh anläßlich einer Aufführung von »Nebeneinander« mit dem
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien