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felds Langeweile mit Schnitzlers Samtweichheit mengenden Feudal-
Technik« Hugo von Hofmannsthals, dessen »Schwierigem« Kuh
immerhin »ein Ohr für Tonfälle, ein Flair für den Zauber der Distanzen,
eine Richard Strauß kongeniale Gabe, Musik der Kühle zu machen«,
attestiert, »Moskauer Kunst im Comédie-française-Stil« macht.64
So wie er es versteht, Autoren und deren Werk auf den Punkt zu
bringen – in definitorischen Konzentraten à la: »Gerhart Hauptmann:
der Gewerkschaftsolympier« oder Pierre Frondaie: »ein Suder-l’homme,
bestäubt mit falschen Bataille-Düften«65, Eugen Brieux: »der Urania-
Ibsen«66 –, übt Kuh seine unvergleichliche Kunst der Pointierung auf
knappest bemessenem Raum, verdichtet er seine Eindrücke in Kürzest-
kritiken, in süffige sechs, acht, zehn Zeitungszeilen. Hemdsärmelig ver-
fährt er mit Stücken, Inszenierungen, Aufführungen und Darstellern.
Über die Burgtheateraufführung von Thaddäus Rittners »Garten der
Jugend« im Dezember 1917: »Das Spiel zeigt Rittners wohlvertraute
Art: es ist konstruiert, von A–Z, aber mit einem so fein gespitzten
Bleistift, daß es gedichtet aussieht; Aufbau und Sinnigkeit klappt so gut
zusammen, daß man bis zum Schluß unsicher ist, ob man poetisierende
Mache oder gezirkelte Poesie vor sich hat. Am Ende kennt man sich aus:
die Poesie war mitgezeichnet. Was ist also der Sinn des lieben Märchens?
Sich auszugehen. Ist nur noch die Frage, wie gut oder schlecht man sich
mittlerweile amüsiert hat. Nun: recht nett. So zwischen Lächeln und
Gähnen.«67
Über die Premiere des Schwanks »Prokurist Poldi« an der Neuen
Wiener Bühne, ebenfalls im Dezember 1917: »Der ›Onkel Bernhard‹ hat
für ein Nachgericht noch etwas Fett gegeben. Leider wurde es keine
kompakte Pfefferkugel, sondern eine mit Lozzelach-Rosinen und ele-
gischem Powidel gestopfte Fächertorte, die bekanntlich die Eigenschaft
hat, beim ersten Bissen auseinanderzubröseln.«68
Über eine Wiener Aufführung von Erik Hostrups »Hausdame« aus
demselben Monat: »Dieses Stück bringt den Staub schon auf die Welt
mit. Es wirkt so, als hätte man es auf dem Boden unter altem Gerümpel
aus ein paar Reclam-Bändchen, Serie ›Gelegenheitsscherze‹, aufge
lesen:
albern-gemütlich und klapperdürr-harmlos. […] Gespielt wurde nicht
schlechter als im Verein ›Harmonie‹. Mit jener Zappligkeit, in der der
Dilettant seinen dünnern Atem verausgabt. Bloß Herr Onno als Kastra-
tenbubi hielt ihn durch zwei Stunden an. Was man vom Publikum nicht
sagen kann.«69
Über Oskar Maurus Fontanas Schauspiel »Marc«: »Ein leichterer Fall.
Hier verwirrt kein Sentenzengestrüpp die Suche nach dem Geist, nach
dem Gesicht. Man sieht durch und durch und sieht – nichts.«70
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien