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Grund«: »Moral aus dem Fünfkreuzerroman, in noblere Auffassung
getaucht und humoristisch geläutert. Geschneiderte Kolportage mit
schwachem Fleischansatz; nur die Vernunft quillt in kerniger Mundart.
Eine Wirtshausszene, in der es schalantert. Funken zucken auf, aber es
brennt nicht. Im Gegenteil: Alles biegt vor der Verwicklung um und
geht seinen harmonischen Weg zur Schmunzelweisheit: DaĂź man die
Männer nur Herren zu spielen lassen braucht, damit sie brav und fein
stad werden. Anzengruber verstand sich auf solche altkluge Sinnigkeit,
die mehr nach Zeitung als nach GemĂĽt klingt und auch sonst zum Libe-
ralismus paĂźt. DeshalbÂ
– der germanistische Gott verzeih’ mir’s!Â
– wirkt
er heute auch in manchem so unecht. Wie Dialekt-Liberalismus. Jener
lebt und leuchtet, aber dieser ist bekanntlich mausetot. Nicht mehr
aufzuwecken.«76
So wie Kuh bisweilen einzelne darstellerische »Leistungen« aufs Korn
nimmt, verreiĂźt er auch sĂĽffisant die Darbietungen ganzer Ensembles.
Über die Aufführung des Schauspiels »Bosporus« vom Januar 1918:
»Die Volksbühne kam der Geschichte und den Waffenbrüdern mit aller
darstellerischen und technischen Reverenz entgegen; Haschischrauch,
Koranetikette und Gebetstimmen, die alle Stationen von Wien bis Wie-
ner Neustadt ausrufen. Fräulein Dergan als Nedschibè ist von einer
OlmĂĽtzer Eindringlichkeit, einer Stockerauer Leidenschaft und einer
Nikolsburger Hingabe, die unwiderstehlich wirken. […] Herr Kortner
pumpt sich mit lippengepreĂźtem, schnalzendem und fletschendem We-
gener-Grimm Dämonie aus dem Leibe. […] Immerhin interessant.
Herr Schildkraut hat dafür eine sehr natürliche, ich möche sagen: deli-
kate Art, jung zu sein. Neben ihm wirkt noch das plaudersam-mondäne
Fräulein Norden wie ein Gruß aus Molnárs Ungarn. Die Damen Fatma,
Leila, Kondscha und Gül hingegen sind Töchter der Sonne, die den
Vöslauer Kurpark bescheint.«77
Noch dezidierter das Urteil ĂĽber eine Berliner AuffĂĽhrung von
Schnitzlers »Reigen«: »Was sonst auf der Bühne stand, traut sich das
letzte Wiener Pimperltheater nicht zu bieten.«78
Anton Kuh hat auch ein empfindliches Organ fĂĽr die Sprache, die
von der Bühne tönt. Kann es sich etwa bei der Besprechung eines Stücks
von Leonid Andrejew nicht verkneifen, die Ohrenpein zu vermerken,
»die einem die vielen ›’ne‹, ›’nen‹ und dem internationalen Übersetzer-
Volapück entlehnten Worte wie ›Schlumpe‹, ›drängeln‹ usw. bereite-
ten«79. Und bei einem farb- und humorlosen Gastspiel der Münchener
Kammerspiele im Mai 1918 nimmt er zwar deren Farb- und Humor-
losigkeit nicht übel – »Wie soll das Theater lebendig sein, wenn das
Leben nicht theatralisch empfunden wird?« –, sehr wohl aber deren
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien