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1924 – 1925
Kurz nach der Klöpfer-Kalamität ist Anton Kuh in Ralph Arthur
Roberts’ Inszenierung von Frank Wedekinds »Sonnenspektrum« an
den Wiener Kammerspielen89 als Eoban, »Minnesänger des Freuden-
hauses«,90 besetzt. Er legt die Rolle zurück – was Leopold Jacobson
außerordentlich bedauert: Er hätte die Premierenbesprechung glatt an
Eugen Klöpfer abgetreten91Â
–, weil ihm, dem Kritiker, »bei aller Nettig-
keit [s]einer Eventual-Kollegen«, die Bedenken angesichts zu gewärti-
gender »Revanche-Kritiken« dann doch widerrieten. Zudem mußte er
bei den Proben seine Auffassung, »daß ein gewisser vergeistigter Dilet-
tantismus Wedekind bei den AuffĂĽhrungen seiner StĂĽcke eher nĂĽtzen als
schaden« könne, revidieren. Das stimme nur für jene Rollen »die gleich-
sam Schalltrichter seiner Weltanschauung und nicht Charaktere sind«.
Für letztere reiche der »Anschein einer Privatpersönlichkeit« nicht hin,
dafür brauche es »unbedingt auch Routine der Raumbeherrschung«.92
Statt dessen gibt er zur Premiere am 27. März und tags dar-
auf jeweils eine einleitende Conférence. »Wie die Verneinung
an sich stand er da:Â schlank und schwarz, wie ein Minus-
zeichen, das sich zu einem Ausrufungszeichen emporbäumte.
Ein Ausrufungszeichen hinter jedem Quand même.«93 Und
spricht, ganz programmatischer Amoralist, über Sexualität,
die Wedekind der reine Naturzustand – das »rein« betont –,
das Selbstverständliche, »naives Sein im Urelement des Lebens« sei.94
Und fordert keineswegs »sittliche Freizügigkeit, sondern die Einfüh-
rung des Legitimierungszwangs auf allen Territorien der bourgeoisen
Moral. Wir reisen dort bislang mit falschen Pässen.«95
Am 12. April 1924 steht Anton Kuh als Angeklagter in einer Ehren-
beleidigungssache vor dem Strafbezirksgericht Leopoldstadt. »Streit-
sache: ›Tepp‹ oder ›Götz‹-Zitat?«96 Hat er Ingenieur Josef Heiduk bei
einem Wortwechsel in der Straßenbahn »Reden Sie nicht so blöd da-
her!« resp. »Sie blöder Kerl!« zugerufen oder: »Sie können mich jeden
Dienstag und Freitag zwischen 3 und 5 Uhr …«?* Ursprünglich war
Kuh in Abwesenheit zu einer Geldstrafe von 500.000 Kronen verurteilt
worden, und zwar wegen »Sie blöder Kerl!«. Dagegen hatte er berufen.
Bei der Verhandlung vor dem Berufungssenat am 16. Feber erklärte er,
warum: »Wenn ich im Restaurant einen Schweinsbraten bestelle, so will
ich nicht eine Sachertorte bezahlen. An den Herrn die ›Götz‹-Einladung
zu richten war mir 500.000 Kronen wert, für ›Blöder Kerl!‹ hätte ich
* Ergänze: »am Arsch lecken« resp. »im Arsch lecken«. Wien,
Kammerspiele,
27.3.1924 und
28.3.1924, 22 Uhr:
Conférence zu
Frank Wedekinds
»Sonnenspektrum«
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien