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Abscheu vor dem Herumschnüffeln im Privatleben von in der Öffent-
lichkeit stehenden Personen kundzutun. »Die Stunde« hat behaglich
ausgewalzt, daß die Frau des Baron Reitzes, eines stadtbekannten Neu-
reichen, in Begleitung des jungen Sekretärs ihres Mannes in geschäft-
lichen Angelegenheiten nach Paris aufgebrochen war.19 »Reitzes« ist für
»Fackel«-Leser ein Signalwort für unsaubere Geschäfte, das wiederholt
im Zusammenhang mit dubiosen Geschäftspraktiken gefallen ist. Den-
noch: »ihm in seiner privatesten Lage nicht den Schutz jener ultima
ratio zuzubilligen, die der ›Stunde‹ zeigt, wie viel’s geschlagen hat, wäre
schon jene moralische Erbärmlichkeit, aus der die Berichterstattung
über Ehebegebenheiten als eine Selbstverständlichkeit hervorgeht«; des-
wegen ergreift er Partei gegen ein »prinzipielles Fallotentum, das weder
Ehrfurcht noch Rücksicht auf irgend eine Tatsache des Lebens und
Sterbens kennt, kein Verdienst des Geistes achtet und keinen Anspruch
der Not, nichts wahrnimmt außer dem eigenen Geschäft und alles nur
für dieses, kein Geheimnis verschlossen läßt, das die Aufmachung
lohnt, und den Skandal als Stundenschlager anzeigt«.20
Im Juli läßt er sich gar dazu herbei, Ernst Benedikt, dem Herausgeber
der »Neuen Freien Presse«, beizuspringen. Auf einen Artikel der »Neuen
Freien Presse«, der Otto Rothstock nach dessen Attentat auf Hugo
Bettauer als »tadellos ehrlich« bezeichnete,21 reagierte die »Stunde« mit
einer ätzenden Schmähung Benedikts, den sie als »Hausjud des Haken-
kreuzmordes«22 beschimpft und unverblümt mehrfach als Wichser hin-
stellt.23 Kraus ergreift für sein längjährig beschworenes Feindbild Partei,
»weil die Unantastbarkeit fremder Genitalien selbst dann ein Kulturge-
bot ist, wenn die Besitzer beruflich gefrevelt haben, und zumal dann,
wenn das Geschlechtsleben nur so mit dem Wirtschaftsleben zusam-
menhängt, daß für die Diskretion gezahlt werden müßte«24.
Von März 1925 an entspinnt sich ein Schlagabtausch, der mit unglei-
chen Waffen geführt wird: Hie der erbitterte publizistische und juridi-
sche Kampf des lauteren Wortes gegen eine »Journalistik der Fressack
und Naschkatz«25, da ein Geprassel an Untergriffen und Diffamierungen.
Kraus eröffnet mit dem Pamphlet »Die ›Stunde‹ bietet die Darstel-
lung der wirklichen Ereignisse des Lebens«.26 »Die Stunde« antwortet
mit einem Photo, das auf der Seite 1 den elfjährigen Kraus und seine
Schwester zeigt, mit der er, so der Bildtext, »bekanntlich jetzt einen
Erbschaftsstreit führt«. Eine interne Anweisung Békessys wurde beim
Retuschieren des Jugendphotos bis zum Grotesken ausgereizt: Kraus
»so mies als möglich«27 zu machen: riesige, abstehende Ohren, riesige
Füße, ein riesiges Maul. Die gerichtlich durchgesetzte Berichtigung nutzt
die »Stunde«28, um noch ein Schäuferl nachzulegen. Dem retuschierten
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien