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aus dem Zusammenhang gerissen sind, der »Gesamtinhalt« des Vortrags
habe nämlich keineswegs »eine beleidigende Wirkung« gehabt. Geht
dann auf die inkriminierten Ausdrücke resp. Passagen im einzelnen ein.
Das Wort »Itzigseuche« sei von ihm beim Vortrag spontan geprägt
worden. Ein beleidigender Inhalt dieses Wortes sei erst zu beweisen.
Dieses Wort existiere in seinem wörtlichen Sinn überhaupt nicht, »weil
es eine solche Seuche bakteriologisch nicht gibt. In metaphorischem
Sinne aber ist es keine Beleidigung, weil jede Metapher die Herabsetzung
der andern zum Stoffe hat. In diesem Sinne ausschliesslich hat z. B.
Nietzsche in seiner Schrift gegen Strauss diesen ›Bildungsphilister‹ ge-
nannt. Dieser war weit entfernt, dadurch beleidigt zu sein, und die ganze
Welt fasst die Metapher als eine Anspielung auf asketische, äst[h]etische
und pädagogische Entartung auf. Ich bestreite somit das Vorliegen des
objektiven Tatbestandes einer Beleidigung.« Der Satz »Ich schäme mich,
mit lauter Stimme den Namen des Mannes zu nennen, den ich nur flü-
sternd sage: Karl Kraus« kehre sich nur gegen die Kraus-Anhänger,
»die so beschaffen sind, dass man sich hütet, in den Verdacht zu kom-
men, ein solcher zu sein, also in die kleine Schiffgasse des Geistes* zu
kommen«.
– Samek läßt die Klage auf »die kleine Schiffgasse des Geistes«
ausdehnen. Kuh beharrt darauf, daß Kraus in »Literatur oder Man wird
doch da sehn« mit der Passage »Ich komme von rückwärts gegen ihn,
da kenn ich mich aus!« auf ihn angespielt habe. »Intelligenzplebejer«
sei »keine Beleidigung, sondern ein polemischer Terminus, bei dem man
so lange nachdenken muss, dass jede Beleidigung verflieg[e]«. »Ases«
resp. »Asesponem«, wie er, Kuh, übrigens wiederholt von Kraus ge-
nannt worden sei, habe nicht die in der Klage angegebene Bedeutung,
bezeichne also nicht einen Menschen »niedrigster Frechheit«, sondern
ein »boshaftes Gesicht, das man entweder nicht anschaue oder das man
anspucke«. Karl Kraus, der aus dem Ghetto eines mährischen Dorfes
stamme, müsse die wahre Bedeutung dieses Ausdrucks bekannt sein.
Zum Beweis dafür beantragt Kuh die Ladung des Tempeldieners aus
der Heimatgemeinde Kraus’.20 Als Sachverständige über den wahren
Sinn dieses Wortes beantragt er den Komiker Armin Berg und den
Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde.
– Der Antrag Sameks,
der darin eine Verunglimpfung seines Mandanten sieht, wegen dieser
Äußerung eine Disziplinarstrafe über Kuh zu verhängen, wird vom
Richter abgelehnt. Und die Verlesung eines Kapitels aus »Also sprach
* Kleine Schiffgasse: Straßenzug in der Leopoldstadt, dem Wiener Gemeinde-
bezirk mit dem höchsten Anteil jüdischer Wohnbevölkerung (1920 umbe-
nannt in Franz-Hochedlinger-Gasse). Metonym für: Ghetto resp. Juden.
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien