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1926
Zumindest Kraus’ Anhang erscheint zum Vortrag, in dem Anton Kuh
am 2. Oktober 1926 unter dem Titel »Skandal in Wien« – im »Neuen
Wiener Journal« mit dem Untertitel »›Der Affe Zarathustras‹, II. Teil«
angekündigt3 – im vollbesetzten Mittleren Konzerthaussaal (900 Zu-
hörer) selbstkritisch die Affäre »Stunde« versus Kraus resümiert.
Ein Jahr nachdem er als Sieger vom Podium gestiegen ist, kommt
Kuh nun zwar in »Sack und Asche gekrochen«4, kriecht aber keines-
wegs vor den wieder zahlreich erschienenen Kraus-Jüngern zu Kreuze,
sondern spart neuerlich nicht mit ätzenden Bemerkungen gegen den
»Fackel«-Herausgeber. Zunächst formuliert er jedoch die Be-
denken, die er »als eine Art inspizierender Outsider« von An-
fang an gegen ein journalistisches Projekt wie »Die Stunde« mit
ihrem boulevardesken Auftreten gehegt habe. Ihm und insbe-
sondere auch Karl Tschuppik sei vor der Budapester »Tüchtig-
keit« schon etwas mulmig zumute gewesen; denn: »Wenn man
in Budapest tüchtig ist, ist man hier schon im Landesgericht.« Anderer-
seits habe gerade die Invasion der Ungarn mit ihrem weltmännischen
Habitus Wien in den Jahren nach dem Weltkrieg vor der »Verkremse-
rung« gerettet. Sein Engagement sei ein »Sacrificio dell’intelletto« ge-
wesen, also sehenden Auges »einen Teil der besseren Erkenntnis zu
opfern, um etwas Wichtiges in einem anderen Teile zu tun«, nämlich
ein Forum zu haben im Kampf gegen »die Hakenkreuzler, gegen die
Pseudomoral, gegen die Versumpfung der Polizei und Justiz«5. Die
Redaktion sei im übrigen völlig unabhängig von der Anzeigenabteilung
gewesen und habe von den Machenschaften im Administrationsbüro
nichts mitbekommen.
Neugierig sei er von Anfang an gewesen, wie Kraus auf die »Popula-
risierung« dessen, wofür dieser mit der »Fackel« schon zweieinhalb
Jahrzehnte stand, reagieren würde. Dabei sei ohnehin abzusehen ge-
wesen, daß er diese Nachbarschaft als kompromittierend empfinden
würde: »›Was? Mit meinen satirischen Spezialerrungenschaften grün-
den sich jene e’ Zeitung?!‹« Der ingrimmige Ernst, mit dem Kraus der
bis zur Selbstpersiflage getriebenen Ironie der »Stunde«-Autoren zuge-
setzt habe – Kuh: »In dieser Situation kam der grosse Ethiker K[arl]
Kraus und sagte: Was sind das da für neue Menschen, Libertiner,
Amoralisten, Lausbuben, Gürteltaillenmenschen? … Er ohne Gürtel-
taille, mit Moral!«
–, habe Kuh veranlaßt, den »Feldzug der Rotzbübe-
rei« zu starten, als dessen »Generalissimus« er sich seinem Auditorium
vorstellt. Ein Großteil der »Stunde«-Redakteure sei ursprünglich da-
Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
1.10.1926,
19.30 Uhr:
Skandal in Wien
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien