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vor Gericht mehrfach abstritt. Kindisch auch der Aplomb, mit dem
Kraus im Prozeß in der Sache »Vortragsaffe« darauf beharrt, »das eigene
Blatt des Beschuldigten«, also »Die Stunde«, habe über Kraus’ »Vor-
tragstätigkeit […] in den überschwenglichsten Lobesworten« gespro-
chen.10 Ist es schlicht Verblendung oder Dreistigkeit, daß Karl Kraus
über die süffisanten Schmähungen hinweggeht, mit denen die »Stunde«
seine Vorträge bedachte?11
Recht hat Kuh vor allem mit »Ethospetetos«, mit dem Vorwurf also,
daß der »große Ethiker«, wenn’s um seine eigene Person geht, seine
rigorosen Maßstäbe gern einmal beiseite setzt. Derselbe Karl Kraus, dem
Eingriffe ins Privatleben das Stigma der Lumperei sind; der sich in seiner
General abrechnung mit den jungen Expressionisten »Aus der Sudel-
küche«12 insbesondere gegen die ihm von Werfel im Drama »Spiegel-
mensch« in den Mund gelegten Worte »Kurz und gut, weil ich zwar den
Menschen aus den Augen, doch nicht in die Augen sehen kann, will ich
ihnen lieber gleich in den Hintern schaun, ob dort ihr Ethos in Ordnung
ist« verwahrt als eine »von jeder Silbe« seines »Lebenswerks Lügen ge-
strafte Zeichnung, die ihren eigenen Sinn« seinem »Kampf für das Recht
der sexuellen Persönlichkeit« verdanke; der in der Klagsschrift, die er in
dem wegen Ehrenbeleidigung in Anton Kuhs Vortrag »Der Affe Zara-
thustras« angestrengten Verfahren einreicht, den Vorwurf, er habe auf
die »erotischen Neigungen« Kuhs angespielt, empört zurückweist, da er
»die Verwertung von Tatsachen des Privat- und Sexuallebens im öffent-
lichen Kampfe wirklich stets perhorreszierte und aus diesem Grunde
auch gegen Harden einen langen und energischen Pressekampf führte«13
–
dieser selbe Karl Kraus hatte sich nicht nur nicht entblödet, 1921 in
»Literatur oder Man wird da doch sehn« mit allerlei »Rufen« wie: »Das
ist sein Vaterkomplex!«, »Selbsthaß des Judentums!«, »Ich krieg Reiß für
ein Buch gegen ihn!« auf Kuhs »Juden und Deutsche«, sondern gleich
darunter mit dem »Ruf« »Ich komme von rückwärts gegen ihn, da kenn
ich mich aus!«14 auf Kuhs in jungen Jahren (auch) gelebte Homosexua-
lität anzuspielen, sondern sich im Oktober 1925 – diesmal gänzlich
unverhohlen – neuerlich dieses Untergriffs bedient, indem er der »Bé-
kessy-Journalistik« attestiert, sie habe »bahnbrechend gewirkt, indem
sie die homosexuelle Note in die Theaterkritik eingeführt hat«.15 Und
damit die Rechtfertigung für Kuhs Behauptung geliefert, daß es mit
Kraus’ so selbstgerecht zur Schau getragenem Ethos nicht weit her sei,
»daß man mit ein und derselben Dialektik ›eso‹ machen kann und ›eso‹«.
Erster (groß geschrieben) Theaterkritiker der »Stunde« war nämlich
Anton Kuh.
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien