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»Welt bühne«-Mitarbeiter Berthold Jacob-Salomon18, Gestalt an, am
1. Oktober 1927 sollte das erste Heft der neuen »Zukunft« erscheinen.
Kurz nach Hardens Ankündigung, die »Zukunft« wieder erscheinen
zu lassen, ersucht Kuh, einem »romantischen Hazard« nachhängend
und in einem Gefühl »unterirdischen Corpsgeistes«, brieflich um ein
Gespräch, das allerdings an Dringlichkeit verlöre, sollte Harden »die
neue ›Zukunft‹ wie die alte von A–Z allein zu schreiben und redigieren
gedenken«.19
Ende August muß Harden indessen, gesundheitlich schwer angeschla-
gen, das Handtuch werfen. Er stirbt am 30. Oktober 1927 in Montana-
Vermala im Schweizer Wallis, wo er sich seit Anfang Juli zur Linderung
seiner chronischen Bronchitis aufgehalten hatte.
Die Nachrufe in der bürgerlichen Presse sind zwiespältig, bemüht
zwar, dem unerschrockenen Oppositionellen Gerechtigkeit widerfah-
ren zu lassen, aber … Exemplarisch Kurt Tucholskys Nekrolog, der
anhebt mit den Sätzen: »Es ziemt sich, auf das Grab dieses großen
Schriftstellers einen Kranz zu legen. Aus welchen Blumen –?«20 Mit-
nichten ambivalent hingegen die rechte Publizistik: Verhöhnung und
Gehässigkeit über das Grab hinaus. Tenor: »jüdischer Schmierfink«,
»charakterlose Pazifisterei«, »Gesinnungslumperei«. Joseph Goebbels
im »Angriff«: »Maximilian Harden ist durch eine Lungenentzündung
hingerichtet worden. / Damit geht eines der gemeinsten und nieder-
trächtigsten Individuen, die Deutschland an den Rand des Abgrundes
gebracht haben, aus dem Zeitlichen heraus. Maximilian Harden ist der
Typ der jüdischen Literaturbestie, die bedingungslos und ohne Rück-
sicht das Gastrecht des Wirtsvolkes mißbraucht und ihrem ewigen Trieb
zur Zerstörung frönt. / Das deutsche Volk hat ihm und seinesgleichen
ein Meer von Blut und Tränen zu verdanken. / Sonst sagt man: ›de
mortuis nil nisi bene!‹ / Das hat bei unseren Vernichtern keine Geltung.
Wir bedauern am Tode dieses Mannes nur, daß er uns die Möglichkeit
genommen hat, auf unsere Art mit Isidor Witkowksy21 abzurechnen.«22
1927
Obwohl es ihm leichtfällt, dort Fuß zu fassen, ist das Berlin des Jahres
1926 keine »g’mahte Wiesn« für Kuh. Legion sind zwar die Stimmen, die
ihm attestieren, daß er zu den wenigen Podiumsartisten gehört, die auch
etwas zu sagen haben; daß seine blendenden Formulierungen, schein-
bar Einfälle des beschwingten Augenblicks, in die Tiefe gehen, und,
wie die ganze Art seines Vortrags, abseits vom Lehrhaft-Langweiligen,
scharf präzisiert und mit Witz, der vom Geist und nicht vom Willen
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien